Mittwoch, 11. November 2009

Darmstadt-Kalender

Heute werden im Darmstädter Echo mehrere Darmstadt-Kalender vorgestellt. In dem Artikel ist zu lesen, dass sich die Darmstädter lieber einen Darmstadt-Kalender als einen Jakobsweg-Kalender an die Wand hängen. Das ist typisch: Alle pilgern, nur die Darmstädter bleiben zu Hause. Und warum? Na, bei uns ist es doch soooo schön!

Bussi

Julia

Freitag, 30. Oktober 2009

In recollection of Taylor Mitchell

It is so cruel and so sad. This might not have been. In this summer I have also gone long on a hiking-trail by big woods and I´m concerned, therefore, very much. Taylor, I love your music and will keep you always in my heart.

In Love

Julia

Montag, 19. Oktober 2009

Buchmesse und Bibliotheken-Award

Salut,

das war ein anstrengendes Wochenende mit zwei Tagen Buchmesse. Aber toll war es. Ich habe viele interessante Gespräche geführt, zwei Jakobswegautorinnen getroffen und natürlich Prospekte eingesammelt. Und ich bin fast soviel gelaufen wie an einem normalen Pilgertag. Aber nur fast! Notker Wolf habe ich leider nur einmal aus der Ferne sehen können. Da war kein rankommen. Dabei wollte ich ihn für das Autorenforum interviewen. Na ja, das mach ich später. Ich schicke ihm die Fragen per e-mail nach Rom.

Aber schon steht das nächste Ereignis an. Der Tag der Bibliotheken am 24. Oktober. Dieser Tag geht auf Karl Benjamin Preusker zurück. Muss man den kennen, fragte mich heute Luisa. Natürlich muss man den kennen, liebe Luisa. Denn wenn Karl Benjamin Preusker nicht gewesen wäre, würden wir heute alle ziemlich dumm herumlaufen. Na ja, nicht alle, aber die meisten von uns. Preusker hat nämlich 1828 die erste öffentliche Bücherei Deutschlands aufgemacht. Und weil das an einem 24. Oktober geschehen ist, wird der 24. Oktober heute als Tag der Bibliotheken begangen.

Weil Bibliotheken und Büchereien eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung von Pilgerreisen spielen, (da schreibe ich doch hoffentlich nichts falsches, ähem ;-)), habe ich mir etwas besonders ausgedacht. Den 1. Monte do Gozo - Bibliotheken-Award nämlich, den das Autorenforum Monte do Gozo verleiht. Und zwar an die Bibliothek, in der sich Pilger am allerbesten auf ihre Pilgerreise vorbereiten können. Noch bis Freitag läuft die Nominierungsphase und dann wird abgestimmt. Den ganzen Samstag lang. Am Sonntag gebe ich den Gewinner bekannt.

Ich habe schon die Stadtbibliothek in Darmstadt nominiert. Die ist gemütlich, man findet eine ganze Menge, und die Mitarbeiter sind sehr hilfsbereit. Mal sehen, ob sie das Rennen macht.

Bussi

Eure Julia

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Autorenforum "Monte do Gozo"

Vorgestern haben einige Jakobswegautoren, darunter auch ich, das Autorenforum "Monte do Gozo" gegründet. Wir haben festgestellt, das viele Pilger über ihre Pilgerwegerfahrungen schreiben und wirklich gute Gedanken haben. Aber kaum jemand weiß etwas von dem anderen. Jetzt tauschen wir uns über unsere Schreibprojekte zum Thema Pilgern und über allgemeine Autorenthemen aus. Mitdiskutieren dürfen natürlich auch die nichtschreibenden Pilger, die an unserer Arbeit interessiert sind. Denn das Autorenforum soll nicht zuletzt der Kommunikation zwischen den Autoren und den Lesern dienen. Es ist noch in den Anfängen, deshalb sieht es dort noch ziemlich dünn aus. Aber es entwickelt sich.

Schaut mal rein.

bisous :-)

Julie

Mittwoch, 30. September 2009

Wälder

Wow! Ich komme gerade von einer Theaterprobe. Wälder von Wajdi Mouawad. Das ist ein Stück. Am 9. Oktober ist bei uns die deutsche Erstaufführung. Wajdi Mouawad ist ein gebürtiger Libanese, der in Kanada aufgewachsen ist und mit seinem Stück die deutsch-französischen Beziehungen vom Krieg 1870/71 bis zur Nazizeit und bis zum Zweiten Weltkrieg aufarbeitet. Schon das ist interessant. Und das Stück erst. Ich darf noch nicht soviel verraten, aber es ist irre. Es spielt übrigens genau in den Wäldern, durch die ich im Sommer gegangen bin: den Vogesen und der Franche Comte. Ich habe also eine besondere Beziehung dazu. Und zwar eine ganz besondere, weil ich jetzt einen französischen Freund habe.

Jaaaa, Christian! Wir sind zusammen, seit ich wieder in Straßburg gewesen bin! Und bald kommt Christian nach Darmstadt, zur B-Premiere übernächsten Sonntag. Er hat sogar den Montag an seiner Schule frei bekommen und ist nächste Woche von Freitag bis Montag da. Unsere Urgroßeltern haben sich noch bekämpft und wir Urenkel sind jetzt zusammen. Und arbeiten mit dem Theaterstück unsere eigene Familiengeschichte auf. Das wird echt interessant.

Ach ja, von Straßburg habe ich noch nichts geschrieben. Das Wochenende war wieder toll und Christians Geburtstag auch. Es war keine soooo große Fete, weil die meisten seiner Feunde ja in Walbourg sind, aber ein richtig schönes intimes Fest. Wir haben viel geplaudert. Cecile habe ich jetzt auch kennen gelernt. Ein ganz liebes ruhiges Mädchen. Total anders als ihr Bruder. Aber sehr nett. Also am Samstag haben wir Christians Volljährigkeit gefeiert, und was haben wir am Sonntag gemacht? Da bin ich mit Christian und Cecile wieder zum Münster gegangen. Es war nämlich Denkmaltag und in Straßburg durfte man über die Dächer vom Münster laufen. Das kann man da jedes Jahr zum Denkmaltag. Am Chor sind wir hochgestiegen und dann an der Traufe entlang bis zu den Türmen gegangen. Und in den Dachstuhl sind wir auch gestiegen. ES ist der größte mittelalterliche Dachstuhl Europas, man könnte dort eigentlich noch eine Kathedrale einrichten.

Die Zugfahrt dauert etwa dreieinhalb Stunden und ich habe eine Verbindung gefunden, bei der ich mit meiner Bahncard hin und zurück keine 40 Euro bezahle.

bisous :-)

Julie

Montag, 14. September 2009

Herbsttag 2

Hallo,

das Gedicht von Rilke mag ich sehr, obwohl es am Ende total schwermütig wird. So melancholisch bin ich eigentlich gar nicht. Und wenn man die Zeile "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr" liest, da kann man schon Angst kriegen. Herbst, es wird kalt, Finanzkrise, Zukunftsangst, hm. Aber in Wirklichkeit ist es ja umgekehrt. Die Finanzkrise ist genau von denen ausgelöst worden, die sich ihr Haus gebaut haben. Eigentlich müssen wir den Rilke umschreiben: "Wer sich ein Haus gebaut hat, hat jetzt keines mehr."

Aber ich habe das Gedicht wegen der ersten Zeile reingesetzt. "Herr: der Sommer war groß". Jaaaaa, das war er!!! Irre groß. Und jetzt bin ich seit drei Wochen wieder zu Hause. Die erste Woche habe ich eigentlich nicht viel gemacht. Geschlafen, geschlafen, geschlafen. Und zwischendurch mein Blog vervollständigt, mit Sylvie, Thérèse und Christian gemailt, etwas gechattet, Freunde besucht und natürlich von meiner Pilgerreise erzählt.

Ja, und dann war es gut, dass danach auch schon mein FSJ angefangen hat. Das hat mich aus den Pilgererinnerungen rausgerissen, weil es einfach so spannend am Theater ist. Jetzt bin ich seit zwei Wochen dabei, habe die interessantesten Leute meines Lebens kennen gelernt und bin mit ganz neuen Dingen beschäftigt. Ich mache Öffentlichkeitsarbeit, protokolliere bei Proben und schreibe sogar an einem Text für ein Programmheft. Es ist gar nicht so einfach, etwas kluges zu schreiben, was von den Leuten auch verstanden wird. Vor allem habe ich lernen müssen, nicht alles auf meine Pilgererfahrungen zu beziehen. Pilgern war eine super Sache, aber jetzt ist was anderes dran. Nach zwei Wochen Theater ist meine Pilgerreise schon soooo weit weg.

Aber am Wochenende, da bin ich wieder in Straßburg. Christian hat Geburtstag und wird volljährig. Süße 18! Ich freue mich unendlich, ihn wiederzusehen, auch wenn es jetzt nur für zwei Tage ist.

Bussi

Eure Julia

Sonntag, 13. September 2009

Herbsttag

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke

Montag, 24. August 2009

Angekommen: Le Puy-en-Velay!

Salut! Also, nun das letzte Posting von meiner Pilgerreise. Mein Aufenthalt in Le Puy. Am Donnerstag sind Thérèse, Sylvie und ich schon früh um sieben Uhr zur Pilgermesse in die Kathedrale gegangen. Die findet von Frühling bis Herbst dort jeden Morgen statt und der Bischof von Le Puy lässt es sich nicht nehmen, sie selbst zu zelebrieren. Es ist ein ganz netter Bischof. Nach der Messe versammelt er alle anwesenden Pilger um sich und fragt jeden, woher er kommt. Anschließend schenkt er allen ein kleines Medaillon mit der Schwarzen Muttergottes von Le Puy. Es war genauso wie letztes Jahr im Oktober, als ich das erste Mal hier war. Aber noch viel viel schöner.

Am Donnerstag war nämlich ein besonderer Gottesdienst. Es war der Festtag des Saint Bernard de Clairvaux. Ich bin diesem Heiligen unterwegs ja häufiger begegnet. Zuerst in der Abbaye d`Acey, dann in Citeaux, wo ich mich ja mit meinem Gastgeber Robert über ihn unterhalten habe, und dann nochmal in La Bénisson-Dieu kurz nach meiner ersten Loireüberquerung, wo Bernard ein Kloster gegründet hat. Und jetzt in der Kathedrale von Le Puy wird sein Fest gefeiert. Wieder mal eines von diesen vielen Zusammentreffen. In der Lesung aus dem Alten Testament ging es um die Zusage, dass jeder, der als Glaubender auf dem Weg ist, Weisheit erlangt. Und als Evangelium wurde ein Gebet vorgelesen, in dem Jesus den Vater darum bittet, dass alle, die im folgen, die Herrlichkeit sehen sollen. Das sind doch zwei tolle Versprechen. Der Bischof hat in seiner Predigt gesagt, dass die Hoffnung, die aus diesen Bibelstellen spricht, genau das ist, was dem Pilger seine Kraft gibt. Für die meisten war die Messe ja der Anfang ihrer Pilgerreise, weil sie in Le Puy starteten, aber ich fand, dass die Texte von Lesung und Evangelium auch sehr gut zum Abschluss unserer Pilgerreise gepasst haben.

Nach der Messe sind wir in den Chor zur Schwarzen Madonna gegangen. An derselben Stelle habe ich vor zehn Monaten schon einmal gekniet. Damals hatte ich darum gebetet, dass alles gut mit dem Abi klappt. Und nun bin ich wiedergekommen, um danke zu sagen. Das war ja ein Grund für meine Reise. Aber auf meinem Weg sind noch tausend andere Gründe dazu gekommen, für die ich auch noch danke sagen konnte. Es waren so viele Erlebnisse unterwegs, die mich zur Pilgerin gemacht haben, mein Kreislaufkollaps in Walbourg, durch den ich gelernt habe, auf meinen Körper zu hören, die schönen Momente mit Christian, aber auch der Abschied von ihm, der mir so schwer gefallen ist, das Schweigen in den Wäldern der Franche Comté und bei den Trappisten in der Abbaye d´Acey, die Krise in Dole, als ich krank war und zwei Tage nicht gehen konnte, und meine Nacht auf dem Mont-Saint-Rigaud, in der ich so viel Vertrauen geschenkt bekommen habe. Als ich aus den Beaujolais-Bergen in die Loire-Ebene herunter gekommen bin, dachte ich, jetzt hast Du alles erlebt, was Du als Pilgerin erleben kannst. Aber das beste kam dann erst noch, als ich am zweiten Tag, nachdem ich die Loire überquert habe, zwei ganz ganz tolle Freundinnen gefunden habe. Und dann natürlich die ganze Herzlichkeit unterwegs, die Gastfreundschaft in Deutschland und in Frankreich, die mich überwältigt hat. In diesen zwei Monaten ist eigentlich nie irgendwo ein böses Wort gefallen. Es war zwar viel anstrengender, als ich mir das vorgestellt habe, und es gab wirklich schwierige Momente auf dem Weg. Aber es hat immer alles so gepasst, dass das allerbeste daraus geworden ist. Und es war auch viel schöner, als ich mir das vorgestellt habe. Also, eigentlich ist das ein Wunder. Der Weg hat so viel mit mir gemacht. Ich werde sicher noch lange brauchen, um zu begreifen, was da eigentlich passiert ist.

Thérèse und Sylvie haben auch lange vor der Schwarzen Madonna gebetet. Ich fand es schön, sie in dem Moment neben mir zu haben. Die beiden haben eine sehr tiefe Religiosität. Das habe ich immer wieder unterwegs gemerkt, trotz allem Spaß, den wir zusammen hatten. Ich würde mir wünschen, mit ihnen zusammen im nächsten Jahr die Via Podiensis zu gehen, also von Le Puy weiter in Richtung Pyrenäen.

Wir haben uns die Kathedrale natürlich auch ausführlich angeschaut, die ein faszinierender Bau ist. Sie steht nämlich an einem steilen Hang und von der Straße, die auf sie zuführt, geht eine Treppe miiten hinein. Das ist ein tolles Gefühl, Du steigst die Treppe hoch und stehst auf einmal mitten im Kirchenraum unter den ganzen Kuppeln. Den Kreuzgang haben wir auch besucht. Es soll der schönste von Frankreich sein und ich muss sagen, dass er mit seinen farblich gegeneinander gesetzten Steinsorten wirklich wunderschön ist.

Ja, und dann kam der Moment, an dem unsere Pilgerreise zu Ende war. Sylvie und Thérèse sind mittags mit dem Regionalzug nach Lyon gefahren. Sie meinten, ich sollte doch mitkommen, weil ich ja sowieso über Lyon zurück muss. Aber mir ging das doch zu schnell. Ich musste in Le Puy erstmal richtig ankommen und bin noch einen Tag da geblieben. Wir haben uns dann aber für den nächsten Tag in Lyon verabredet.

Ich bin also genau 24 Stunden länger in Le Puy geblieben als meine Freundinnen. Ich war oben auf der Nadelspitze und hatte sogar das Glück, in die Michaelskapelle hinein zu kommen und mir die frühmittelalterlichen Wandmalereien anzusehen. Und ich war auch auf dem anderen Felsen bei der Madonna von Frankreich, die nach dem Ersten Weltkrieg aus deutschen Kanonen gegossen worden ist. Also, ich kann jedem empfehlen, da mal hochzugehen. Von dort hat man den besten Blick auf die Stadt.

Am Freitag konnte ich es dann aber kaum erwarten, nach Lyon zu fahren, um Sylvie und Thérèse wieder zu sehen. Die beiden haben mich am Bahnhof abgeholt und dann haben wir noch einen herrlichen Nachmittag in Lyon verbracht. Also, die Stadt liegt toll zwischen der Rhone und der Saone. Wenn ich von einer Stadt sagen müsste, dass sie Flair hat, dann würde ich sofort Lyon nennen. Und dann in einem Café haben mich die beiden bearbeitet, dass ich doch unbedingt nach Lyon kommen soll, um dort zu studieren. Echt süß! Na ja, Wien ist ja eigentlich mein Favorit, und Theaterwissenschaft wird in Lyon nicht angeboten. Aber ein paar Semester französische Kunstgeschichte in Lyon, das würde mich schon sehr reizen. Fast ein Jahr habe ich ja noch Zeit, mich zu entscheiden, weil jetzt ja erstmal mein Freiwilliges Soziales Jahr kommt. Und ich bin ganz bestimmt nicht zum letztenmal in Lyon gewesen.

Am Abend um neun haben die beiden mich dann zum Touring Euroliner gebracht, einem großen weißen Reisebus, der die Strecke Lyon-Frankfurt in zehn Stunden fährt. Ja, und dann war ich am nächsten Morgen um kurz nach sieben in Frankfurt und eine halbe Stunde später in Darmstadt. Und um halb neun stand ich bei uns vor der Haustür und sagte "Salut, da bin ich wieder".

Bisou

vôtre Julie

Thérèse, Sylvie und Julie entdecken ihre Vorliebe für Burgverliese und kommen nach Le Puy

Salut! Von Retournac haben wir noch zwei Tage bis Le Puy gebraucht, und die hatten es in sich. Der Weg hat von uns nochmal alles gefordert, aber er hat auch wieder alles gegeben. Das war schon toll, dass wir zum Schluss noch mal eine wahnsinnig schöne Landschaft hatten. Aber es war auch wieder anstrengend. Am Mittwoch sind es nämlich 36 Grad geworden. Puh! Das war echt der Rekord. Also sooo heiß war es noch nie. Aber, clever wie wir sind, hatten wir die Hitze durch ein optimales Zeitmanagement voll unter Kontrolle. Na ja, es war nicht unser Verdienst, sondern wir hatten das wieder mal einer glücklichen Fügung zu verdanken.

Denn als wir am Dienstag von Retournac losgingen, hatten wir uns schon darauf eingestellt, einen steilen Anstieg von 400 Metern hoch aus dem Loiretal nach Roche-en-Régnier bewältigen zu müssen. Aber als wir nach Chamalières kamen, wo es eigentlich hoch gehen sollte, stand da ein Schild, dass wir den Wald nicht betreten dürfen. Wegen der Waldbrandgefahr. Das war wirklich kritisch, denn am nächsten Tag ist in einem anderen Wald, durch den wir vier Tage vorher erst gekommen sind, ein großes Feuer ausgebrochen. Also es wäre echt gefährlich gewesen, in Chamaliéres in den Wald zu gehen und den Hang hoch zu kraxeln. Wir sind stattdessen unten im Flusstal geblieben und die Departementstraße entlang gegangen. So waren wir schon am Mittag in Vorey-sur-Arzon, wo wir eigentlich übernachten wollten. Was haben wir also gemacht? Wir sind einfach noch zehn Kilometer gegangen und haben in Lavoute-sur-Loire geschlafen. Da gab es zwar keine Pilgergite mehr, dafür aber einen Campingplatz direkt unten an der Loire. Traumhaft, direkt am Ufer zwischen den steilen Hängen rechts und links vom Fluss. Die Loire ist hier viel schmaler als in Pouilly-sur-Charlieu, wo ich zum erstenmal auf sie gestoßen bin. Wir haben wieder in der üblichen Konstellation campiert, Sylvie und ich draußen im Freien und Thérèse in einem angemieteten Campingwagen. Und wir sind den ganzen Abend im Fluss geschwommen. Es war einfach klasse.

Am nächsten Tag mussten wir dann gleich als erstes einen wahnsinnig steilen Hang hochklettern. Das war echt das steilste Stück, das ich auf meinem ganzen Weg erlebt habe. Wenn wir in Vorey in der Herberge geschlafen hätten und erst in der Vormittagshitze in Lavoute angekommen wären, hätten wir den Hang nie geschafft. Oh, oh, oh, wenn ich daran denke: Nach 1120 Kilometern hätte ich 14 Kilometer vor dem Ziel aufgeben müssen. Oh Mann, das war der letzte große Härtetest vor Le Puy. Die Macher des Pilgerweges haben den Hang bestimmt extra eingebaut, damit nur die Harten und die Starken in Le Puy ankommen. So Leute wie wir! Denn wir haben den Hang gepackt. Wir sind schon vor der großen Hitze da gewesen und standen um neun Uhr oben. Der Blick war dort grandios. Ganz tief unter uns die Loire mit Lavoute und dem Campingplatz und dahinter konnte man weit nach Osten sehen. Irgendwo hinter den Bergen am Horizont soll die Rhone fließen und dahinter liegt Grenoble, wo Sylvie und Thérèse Ski fahren. Aber jetzt war nix mit Wintersport, denn es wurde ganz schnell total heiß. Die neun Kilometer bis Polignac haben wir uns durch glühende Hitze geschleppt. Aber Polignac war unsere Rettung. Da gibt es nämlich mitten in der Hochebene einen riesigen Felsen, auf dem eine mächtige Burg steht, und unten am Felsen liegt dann das Städtchen. Ja, und was hat so eine große Burg? Kühle Burgverliese natürlich! Für die haben wir uns bei der Besichtigung natürlich besonders interessiert. In der romanischen Kirche waren wir aber auch. Dort erinnert noch vieles an die Famille de Polignac, ein gotisches Portal nämlich, durch das nur die Polignacs eintreten durften, und die Glasfenster, auf denen wir die Polignacs dargestellt fanden. Thérèse war natürlich wieder mit allen verwandt, klar. Aber sie hat Sylvie und mir großzügig gestattet, auch durch das Portal gehen zu dürfen.

Am Abend kam dann für uns der Endspurt. So gegen sechs sind wir wieder aufgebrochen, aber bis Le Puy waren es jetzt nur noch fünf Kilometer. Von der Höhe hatten wir einen irren Blick auf die Stadt. Sie liegt in einem Tal und mittendrin erheben sich zwei ganz steile Vulkanfelsen, auf denen die Chapelle Saint-Michel-d´Aguille (St. Michael auf der Nadelspitze) und eine riesige Madonnenfigur stehen. Dazwischen war die Stadt zu sehen und wir konnten schließlich auch unser Ziel ausmachen, die Kathedrale. Also der Weg hat schon eine tolle Dramaturgie. Es war überall schön, aber der beste Ausblick kommt wirklich erst ganz am Schluss. Wir haben lange da oben gestanden und auf die Stadt geschaut. In Le Puy hat im Grunde alles für mich angefangen. Ich habe dort zum ersten Mal Jakobspilger gesehen und den Entschluss gefasst, selber eine Pilgerin zu werden. Das ist gerade mal zehn Monate her. Aber es kommt mir vor, als ob das schon Jahre zurückliegt. Es ist soviel passiert. Und es hat sich soviel verändert. Das war eine intensive Zeit für mich. Und ich habe auch daran gedacht, wie es weiter geht und wo ich nächstes Jahr sein werde.

Aber für zuviel Melancholie blieb mir zum Glück keine Zeit, denn Sylvie und Thérèse haben mich umarmt und mir gratuliert, weil ich ja die weiteste Strecke gegangen bin. Aber wir haben es zu dritt geschafft. Wir sind neun Tage zusammen unterwegs gewesen und waren ein spitzenmäßiges Team. Ich bin so froh, die beiden getroffen zu haben. Ohne sie wären die letzten Tage hart gewesen.

Ja, und dann sind wir eingetaucht in die Stadt. Wir haben uns im Relais des Pelerins einquartiert. Und dass wir am Abend groß feiern gegangen sind, dass könnt Ihr Euch sicher denken.

Bisou

vôtre Julie

Montag, 17. August 2009

Thérèse, Sylvie und Julie im Sommerland

Salut! Hier in Retournac darf ich das Internet im Office de Tourisme benutzen. Cool! Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, vor meinem Ziel Le Puy noch mal schreiben zu koennen.

Es ist Sommer. Und zwar ein richtig schoener. Ich glaube, ich habe den Sommer noch nie so intensiv erlebt wie in dieser Woche, in der ich von Saint-Haon hierher gegangen bin. Und zwei ganze tolle Dinge sind passiert. Ich habe zwei neue Freundinnen, mit denen ich zusammen laufe, und ich habe einen Lehrauftrag fuer das naechste Jahr an einer ganz renommierten Musikschule. Es kommt einfach alles zusammen und ich bin unbeschreiblich gluecklich.

Sylvie und Thérèse habe ich in der Gite von Saint-Haon kennen gelernt, als ich von meinem Abendspaziergang zurueckgekommen bin. Sie sind zwei franzoesische Studentinnen aus Lyon, die auch nach Le Puy gehen. Sylvie hat mich gleich ganz froehlich begruesst und ziemlich ausgefragt. Na, so wie ich es ja normalerweise mit anderen Pilgern tue *grins*. Wir sind uns ziemlich aehnlich und wurden in dieser Woche so oft fuer Schwestern gehalten. Da triffst Du wochenlang kein anderes Maedchen und dann auf einmal steht Dein franzoesisches Pendant vor Dir.

Thérèse war anfangs zurueckhaltender. Sie hatte etwas an sich, was ich als huldvoll bezeichnen wuerde. So, als ob sie einem die Gunst gewaehrt, an sie ein paar Worte zu richten. Zuerst dachte ich, sie ist etwas missmutig, weil Sylvie und ich gleich losquasselten. Aber in der Woche, die wir jetzt zusammen gehen, habe ich gemerkt, dass das wirklich ein Ausdruck ihrer Noblesse ist. Sie ist eine Adlige und hat sogar eine Vorfahrin oder Ururgrosstante, die waehrend der franzoesischen Revolution eine Dame de Compagnie bei Marie Antoinette war und mit der Koenigin gekoepft worden ist. Sowas verpflichtet natuerlich. Thérèse gehoert zu den Adelsfamilien, die mit Stolz und ohne Regung auf das Schafott gestiegen sind und selbst da dem Poebel total ueberlegen waren. Anfangs habe ich gedacht, na ja, diese Thérèse ist ja ziemlich arrogant. Aber es ist eine jahrhundertealte Familientradition, die ihr in Fleisch und Blut uebergegangen ist. In dieser Woche habe ich sie ungemein schaetzen gelernt. Ich kenne keinen Menschen, der so viel Klasse hat wie sie. Sie hat Stil, man kann sich auf sie unbedingt verlassen, sie klagt nie ueber den Weg und sie ist umfassend gebildet. Und das erstaunliche, auch nach einem langen Pilgertag sieht sie immer noch tres chic aus.

Zum Beispiel gestern, als wir die 30 Kilometer ueber den hoechsten Berg der ganzen Strecke von Marols zum Schloss von Valprivas gelaufen sind. Sylvie und ich waren doch etwas derangiert, als wir ankamen, aber Thérèse schritt wie eine Koenigin die Schlosstreppe hinauf und begruesste mit einer unbeschreiblichen Wuerde die Leiterin des Kulturzentrums, in dem wir schlafen wollten. Als ob sie gerade ihrem Rolls Royce entstiegen waere. Dabei hat sie auf dem Weg genauso gelitten wie Sylvie und ich. Aber sie hat eine unglaubliche Beherrschung. Wenn ein Schloss dran ist, dann benimmt man sich auch entsprechend, egal, wie man gerade drauf ist. Aber andersherum ist das bei ihr auch so: Wenn ein Badesee kommt, dann planscht sie genau so albern darin herum wie Sylvie und ich. Nur im Freien schlaeft sie nicht. Das macht sie nie. Als wir in Montverdun in der Gite Au Pic keinen Platz bekommen haben, sind Sylvie und ich zum Schlafen in den Klostergarten gegangen. Thérèse hat sich lieber auf dem Campingplatz einen Wohnwagen gemietet.

Das Eis zwischen uns war gebrochen, als wir unsere gemeinsame Vorliebe fuer das Theater entdeckt haben. Thérèse hat an ihrer Uni eine Studentenbuehne gegruendet und dort die Sophonisbe von Corneille gespielt. Natuerlich die Titelrolle. Das Stueck handelt von der karthagischen Prinzessin Sophonisbe, die nach dem verlorenen Krieg dem roemischen Feldherrn Scipio als Sklavin uebergeben werden soll. Um dem zu entgehen, nimmt sie den Giftbecher. Eine typische Rolle fuer Thérèse. Das wuerde sie im richtigen Leben sicher genau so machen. Und zwar mit derselben Wuerde, mit der sie die Vulkanberge der Auvergne ueberschreitet und mit der ihre Ahnin auf das Schafott gestiegen hat. Ich moechte sie so gerne mal als Sophonisbe sehen.

Und was kann ich vom Weg erzaehlen? Bis Montbrison war es ein weites Huegelland und bei Saint-Jean-le-Puy sind wir wieder zur Loire gekommen, die sich da an einem Steilufer schlaengelt. Da sind wir natuerlich baden gegangen. Und danach noch ganz oft. Am schoensten war der See von Vidrieux, kurz bevor es in die Berge ging. Mein Bikini ist in diesen Tagen wieder voll zum Einsatz gekommen.

Am Donnerstag gab es auf dem Weg von Pommiers nach Montverdun was zum Feiern. Ich habe naemlich vorher ausgerechnet, dass ich genau am Campingplatz La Barge kurz vor Montverdun meinen 1000-Kilometer Punkt erreiche. Deshalb habe ich am Abend vorher in Pommiers eine Flasche Schaumwein gekauft und drei Plastikbecher besorgt. Hab natuerlich nichts verraten. Als wir in La Barge ankamen, sagte ich, machen wir doch mal eine Pause, und dann habe ich den Sekt aus dem Rucksack gezogen. Quelle surprise „grins*! Sylvie hat gleich angekuendigt, eine Buergerinitiative zu gruenden, um in La Barge ein Monument zu errichten.

Damit waren die Feierlichkeiten aber noch nicht vorbei. In Champdieu, wo wir wieder ein Unterkloster von Cluny besucht haben, gibt es naemlich eine spitzenmaessige Disco. Es soll die beste der ganzen Gegend sein. Sie heisst "Au temps perdu" und befindet sich im alten Bahnhofsgebaeude von Champdieu. Echt nett gemacht. Wir sind von Champdieu noch bis zur Pilgerherberge in Montbrison durchgelaufen, haben uns da aufgebrezelt, was unsere Klamotten hergaben, und sind mit dem Zug zurueckgefahren. Man faellt ja vom Bahnsteig quasi in die Disco. Na ja, nicht direkt, denn dazwischen gibt es noch die Tuersteher. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, ob wir mit unseren Wanderschuhen ueberhaupt an ihnen vorbei kommen. Aber wenn Du als "Dame de Compagnie" von Thérèse unterwegs bist, kommst Du ueberall rein. Nein, Quatsch, in Wirklichkeit ist es so, dass die franzoesischen Discos keinen so strengen Dresscode haben. Die Franzosen experimentieren viel. Und Trekkingboots gehen absolut. Die Saengerin Ann´so M. zum Beispiel hat bei ihren Auftritten manchmal Wanderstiefel an. Die kombiniert sie mit roten Schnuersenkeln und Jeansshorts. Dazu traegt sie ein schwarzes Top. Sieht echt cool aus, obwohl ich ein Top in der Farbe der Schuhbaender noch besser faende. Aber schwarz ist nun mal ihr Markenzeichen.

Thérèse und Sylvie sind schon ein paar Mal in Champdieu gewesen, weil das "Au temps perdu" bei den Studies aus Lyon eine angesagte Location ist. Es war Freitag abend, das Wochenende fing an und es wurde auf der Tanzflaeche ganz schoen voll. Aber das ist normal so. Die franzoesischen Kiddies tanzen naemlich viel mehr als wir schlaffen Deutschen. Na logo, wenn sie ihre Boots mitbringen duerfen. Und es gab ja auch echt gute und abwechslungsreiche Musik. Von Rock über Soul bis zu Techno und House war alles dabei. Wir sind so bis um fuenf da geblieben und dann im Morgengrauen die drei Kilometer nach Montbrison zurückgetapert. Dann haben wir uns in das Kloster geschlichen und erstmal aufs Ohr gelegt, bis sich alle gewundert haben, wo wir denn bleiben.

Ja, und dann muss ich von den Bergen erzaehlen. Hinter Montbrison kommt wieder ein Gebirge und Montarcher, der hoechste Punkt, ist mit 1165 Metern hoeher als der Mont-Saint-Rigaud. Es ist die hoechste Stelle ueberhaupt zwischen Darmstadt und Le Puy. Ganz oben gibt es auch eine Pilgerherberge und ich wollte ja bis dahin gehen. Eigentlich ist das gar nicht so weit, 25 Kilometer von Montbrison. Dafuer geht es aber ziemlich hinauf und das bei 32 Grad nach einer genau so heissen Disco-Nacht. Geschlafen hatten wir ja nicht so viel. Und den ganzen Tag waren noch die Baesse im Ohr. Sylvie meinte, ich sei „une folle“. Und Thérèse erklaerte, auf keinen Fall wuerde sie noch da hoch gehen. Na ja, und als wir dann in Marols standen und zum Berg hochschauten, habe ich das auch so gesehen. Dafuer hatten wir aber gestern diesen dreissig Kilometer langen Weg nach Valprivas. Das war echt wieder eine Koenigsetappe. Dreissig Kilometer nur bergauf und bergab bei ueber 30 Grad. Zum Glueck hatten wir schon um halb zehn den schwierigsten Teil hinter uns und konnten in Montarcher gemuetlich Kaffee trinken. Denn von dort oben ist der Blick ueber die Auvergne super. Sylvie hat fast alle Berge mit Namen genannt. Sie hat mit ihrer Familie oft in der Auvergne Urlaub gemacht und ist mit jedem Vulkan per Du. Ich habe mich an das „Land der tausend Vulkane“ in „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivfuehrer“ erinnert gefuehlt. Das hat bestimmt so ausgesehen. Ich habe Sylvie und Thérèse vom kleinen Halbdrachen Nepomuk erzaehlt, dessen Vulkan immer ausgegangen ist. Fanden sie lustig.

Es war schon fast Abend, als wir das Schloss von Valprivas erreichten. Heute ist das Schloss ein Kulturzentrum, dass sich der Musikforschung und der Auffuehrungspraxis verschrieben hat. Thérèse hat der Leiterin erzaehlt, dass ich eine hervorragende Violinistin bin, die sich mit den Musiktraditionen der Jakobswege beschaeftigt. Und ich musste deshalb trotz der dreissig Kilometer meine Geige auspacken und der Leiterin vorspielen. Also natuerlich nicht sofort, sondern erst nach dem Abendessen, als wir wieder etwas erholt waren. Ich habe vorgefuehrt, was ich von Dick Le Mair und Oliver Schroer gelernt habe, und dann noch ein paar eigene Improvisationen. Dazu habe ich immer erzaehlt, an welchen Orten und in welchen Situationen mir welches Stueck eingefallen ist. Das ist dann ein einstuendiges Programm geworden. Ja, und dann wurde ich gleich als Dozentin fuer das naechste Jahr engagiert. Ich werde an einem Sommerkurs zum Thema Musik und Jakobsweg mitwirken. Mit dem Schwerpunkt, wie man Empfindungen und Stimmungen von Orten in Musik uebertragen kann. Ich freue mich total darauf. Heute habe ich den ganzen Tag nur daran denken koennen und den Weg hinunter nach Retournac mal ganz unter diesem Aspekt wahr genommen. Mir sind schon ganz viele Einfaelle gekommen. Aber eigentlich braucht man gerade auf diesem Wegstueck einfach nur zu schauen. Es gibt dort naemlich soviele atemberaubende Ausblicke auf das Loiretal, zu dem wir hinunter gestiegen sind.

Bisou

vôtre Julie

Montag, 10. August 2009

Ein Berg, der mein Bruder ist

Salut! Gestern habe ich die Loire ueberquert und jetzt bin ich in Saint-Haon-le-Chatel. Das ist ein wirklich huebscher Ort. Mit alten Gassen, einer Stadtmauer, einer romanischen Kirche und mittelalterlichen Haeusern. Ganz eng und verwinkelt ist es hier. Und alles sehr begruent. Wirklich schoen. Das ist die absolute Kulisse fuer einen Mittelalterfilm. Es soll sogar Fledermaeuse geben. Aber die haben sich verzogen, weil es regnet und regnet und regnet. Jetzt schon seit vier Tagen. Also, gestern ging es eigentlich, da kam am Nachmittag die Sonne durch.

Hier in der Gite communal komme ich wieder an einen Internetanschluss. Am besten fange ich da an, wo ich beim letzten Mal aufgehoert habe, beim Floetenkonzert im Kornspeicher von Cluny. Das war wirklich grossartig. Drei Musiker, die fantastisch gespielt haben. Also, ich glaube, ich muss da doch noch was besser werden, um im Kornspeicher ein Konzert geben zu koennen. Das war schon klasse. Als ich zurueck kam, haben die beiden anderen Pilgerinnen schon geschlafen. Zwei Frauen aus Deutschland, die von Toul gekommen sind und jetzt in Cluny ihre Pilgerreise beenden. Ich habe sie beim Fruehstueck kennen gelernt. Hach, das tat gut. Zum erstenmal seit Belfort wieder eine Unterhaltung auf deutsch. Das war auch ein ganz anderes Gespraech als das mit Thomas und Marie. Wir hatten sofort eine Wellenlaenge, obwohl die beiden etwas aelter als meine Eltern sind. Aber das ist ja egal. Gabi und Marion heissen sie und sie sind zwei ganz liebe. Sie kommen aus Bonn und haben sich bei einem Franzoesisch-Kurs in der Volkshochschule kennengelernt. Dann haben sie angefangen, Pilgerreisen zu unternehmen. Sie sind sehr interessiert und haben schon viel zusammen gesehen. Jetzt war die Etappe von Lothringen nach Burgund dran. Hinter Dijon sind sie auf meinen Weg gekommen und haben dann so ziemlich dasselbe angeschaut wie ich. Es war richtig anregend mit den beiden. Wirklich schade, dass sie in Cluny aufgehoert haben.

Ziemlich bald hinter Cluny fangen die Berge an. In Sainte-Cecile geht es los und in Oroux beginnt der 14 Kilometer lange Aufstieg auf den Mont-Saint-Rigaud. Stellt Euch das mal vor, 14 Kilometer! Eine traumhafte Landschaft mit fantastischen Ausblicken. Es ging immer weiter hinauf. Und an den staendigen Anstieg kann man sich gewoehnen. Der war laengst nicht so krass wie der auf den Mont-Saint-Odile. Am Donnerstag Nachmittag war ich oben. Der Mont-Saint-Rigaud ist 1009 Meter hoch und hat noch einen vierzig Meter hohen Aussichtsturm. Kurz vor dem Gipfel gibt es eine heilige Pilgerquelle, deren Wasser gegen Arthritis helfen soll. Gelenkschmerzen also, Nicht schlecht, die hat man ja immer mal, wenn man pilgert. Ich habe davon getrunken und mir meine Flasche aufgefuellt, aber ich muss sagen, das heilige Wasser schmeckt wie eingeschlafene Fuesse. Na ja, wenn es heilig ist, da will man nichts sagen. Dann bin ich auf den Aussichtsturm geklettert. Bei klarem Wetter soll man von dort den Mont Blanc sehen, den hoechsten Berg Frankreichs. Es war aber leider nichts zu erkennen.

Auf dem Berg hatte ich ein ganz fantastisches Erlebnis. Nach meinem Ausflug auf den Turm habe ich mich ins Gras gelegt. Einfach, um mich auszuruhen. Und irgendwie habe ich mich auf einmal auf meinen Bauch gedreht. Mache ich sonst eigentlich nie. Ja, und da spuerte ich, wie die Kraft von diesem maechtigen Berg mich durchflossen hat. Durch die Haende, durch die Arme und dann durch den ganzen Koerper. Das war ein wahnsinniges Gefuehl. Ich lag oben auf dem Berg und der Berg hat mir seine Kraft geschenkt. Ich habe schon von solchen Sachen gehoert, aber nie daran geglaubt. Also, das war schon irre. Man muss das erlebt haben.

Mit der neuen Kraft haette ich locker noch die sechs Kilometer bis zur Pilgerherberge in Azole gehen koennen. Aber ich hatte zwei Tage daran gearbeitet, um auf diesen Berg zu kommen. Da wollte ich nicht gleich wieder runter. Und dann habe ich mich entschieden, da oben zu schlafen. Noch nie hatte ich naemlich auf einem tausend Meter hohen Berg geschlafen. Und das geht auch nur im Sommer, wenn es draussen auch nachts noch warm ist. Ausserdem war fast noch Vollmond. Ideale Bedingungen also. Und ich habe die Nacht aller Naechte erlebt. Ich war vollkommen eins mit der Natur. Mit dem Berg, dem Mond, den Sternen und dem Wasser aus der heiligen Quelle. Als es hell wurde, kam noch der Wind dazu und es wurde unangenehm kalt. Da bin ich dann morgens um fuenf auf den Turm gestiegen und habe eingehuellt in meinen Schlafsack ein Naturschauspiel erlebt, das einfach grandios war. Im Osten war es wolkenlos und schon ganz hell, aber vom Westen, wo es noch richtig duester war, kamen schwarze Regenwolken heran. Es war richtig spannend, zu schauen, ob die Sonne noch aufgeht, bevor die Wolken da sind. Sie hat es echt noch geschafft. Und ich huepfte jubelnd mit meinem Schlafsack auf dem Turm herum, um die Sonne zu begruessen. Dass ich danach wieder total nass geworden bin, war mir ziemlich egal. Das war es wert. Im naechsten Ort, in Propières, habe ich mich dann erstmal bei einem Café-au-lait aufgewaermt und getrocknet.

Hinter Les Echarmeux kamen noch drei Berge, aber die habe ich erstaunlich locker weggesteckt. Obwohl es wie verrueckt geschuettet hat. Es ging schon ziemlich hoch und runter. Aber ich bin es langsam angegangen und fand es gar nicht mehr so schwierig. Noch vor ein paar Wochen haette mich dieses Stueck in die Verzweiflung getrieben. Wenn ich in Darmstadt geahnt haette, wie anstrengend das alles ist, waere ich bestimmt nicht losgelaufen. Aber jetzt habe ich eine ganz neue Einstellung dazu. Der Weg war bisher so etwas wie ein Feind, den man bezwingen muss. Jetzt habe ich gelernt, dass ich selbst ja ein Teil des Weges bin. Der Weg verliert dadurch seinen Schrecken. Im Ernst, ich habe keinen Bammel mehr davor, dass es zu weit ist und dass ich es nicht schaffe. Das ist eine irre Erfahrung. Ich war noch nie so stark und meine Zuversicht war noch nie so gross. Hm, das hoert sich jetzt sicher ziemlich abgefahren an. Aber es gibt es solche Erlebnisse. Zu den Texten, die ich in meine Pilgerkladde geschrieben hatte, gehoert der Sonnengesang des heiligen Franziskus. Ich habe ihn mir am Abend in Le Cergne vorgenommen und gebetet. Bruder Sonne und Schwester Mond. Genauso habe ich es erfahren. Der Berg ist mein grosser Bruder, der seiner kleinen Schwester Julie geholfen hat. Und die Regenwolken, die mich nach den heissen Tagen mal wieder so richtig nass gemacht haben, gehoeren auch zur Familie.

Obwohl es jetzt eigentlich gut sein koennte. Die liebsten Verwandten sind die, die auch mal wieder gehen. Von La Cergne bin ich nur im Regen nach Charlieu gegangen, wo ich wieder eine Privatunterkunft bekommen habe. Ich war am Samstag schon ziemlich frueh da und hatte Zeit, die beiden Klosteranlagen, die heute Museen sind, zu besichtigen. Die aeltere, Saint-Fortunat, war eines der 1000 Unterkloester von Cluny. Wie in Cluny stehen von der romanischen Kirche nur ein paar Reste. Aber die sind bedeutend. Das Westportal besitzt naemlich die aelteste Majesté. Majesté nennt man die Darstellung von Christus inmitten der vier Wesen aus der Apokalypse. Das kommt in der Romanik oft vor. Aber in Charlieu eben zum allerersten Mal. Das ist das besondere. Und dann ist da noch der Narthex stehen geblieben mit einem sehr reichen Portal. Das ist spaeter entstanden und man sieht den Einfluss von Cluny. Wisst Ihr noch, was ich ueber die Kapitelle im Kornspeicher geschrieben habe? Dass die Figuren so flatternde Gewaender haben? Ja, und die Figuren in Charlieu haben diese Gewaender auch. Aber hier ist das noch viel mehr mit dem Flattern. Die Figuren wirken richtig bewegt und lebendig. Man sagt, der Bildhauer war ein Schueler von dem Mönch, der die Kapitelle in Cluny gemacht hat. Er soll den Ehrgeiz gehabt haben, noch viel besser als sein Lehrer zu sein. Ob er wirklich besser war, weiss ich nicht. Er hat den Stil weiterentwickelt, den der Lehrer erfunden hat. Das ist ihm super gelungen. Und ganz suess ist das Osterlamm, das oben auf dem Bogen steht. Ein richtiges Wollschaf. Aber aus Stein.

Am Sonntag war ich in der Messe in der schoenen Kirche von Charlieu. Und da hatte ich wieder so ein Aha-Erlebnis. In der Lesung war von Elias die Rede, der 40 Tage durch die Wueste zum Gottesberg Horeb gegangen ist. Ja, und wenn ich die Ruhetage mal weglasse, bin ich von zu Hause bis zu meinem Gottesberg auch ungefaehr 40 Tage gegangen. Elias hat von seinem Berg auch Kraft bekommen. Obwohl er eigentlich schon sterben wollte. Ich glaube, es sind einfach Grunderfahrungen, die man macht, wenn man 40 Tage pilgert. Aber das erstaunliche ist, dass genau jetzt diese Elias-Geschichte als Lesung dran war.

So, die Sonne kommt mal wieder raus. Ich gehe noch ein bisschen durch Saint-Haon.

Bisou

vôtre Julie

Dienstag, 4. August 2009

Frankreich feiert den Pfarrer von Ars. Und Julie spielt in der Scheune Geige

Salut aus Cluny! Hier ist wieder was los! Ganz Frankreich feiert den Pfarrer von Ars. Das ist neben Jeanne d´Arc der beliebteste Heilige im Land. Und er kommt sogar hier aus der Gegend. Genau genommen aus Rhone-Alpes. Das ist die Landschaft, die bei mir als naechstes dran ist, wenn es hinter Cluny in die Berge geht. Also, heute ist der 150. Todestag des Saint Curé d`Ars, wie er hier heisst, und alle katholischen Gemeinden haben eine Festwoche. Das fing schon in Chagny mit der Sonntagsmesse an, wo in der Predigt sein Leben erzaehlt wurde. Mir ist er ja nicht unbekannt. In Darmstadt ministriere ich naemlich immer in der Osternacht. Und da wird das Weihwasser geweiht. Ja, und zur Weihwasserweihe gehoert die Allerheiligenlitanei. Da werden endlos viele Heilige aufgerufen, und zwar alle mit ihren Namen. Aber einer ist immer dabei, bei dem der Name nie genannt wird. Ja, und das ist der Saint Curé d´Ars. Bei dem heisst es dann immer: „Heiliger Pfarrer von Ars – Bitte fuer uns.“ Ist mir immer wieder aufgefallen. Jedes Jahr in der Osternacht. Und jedes Jahr frage ich mich, wer das eigentlich ist.

Aber jetzt wird er hier gross gefeiert. Er hat natuerlich auch einen richtigen Namen, Jean-Marie Vianney. Nicht weit von hier hat er in einer ganz armen Gegend eine verlassene Gemeinde uebernommen und richtig was draus gemacht. Er hat super gepredigt, war sozial total engagiert und hat ein Waisenhaus gebaut. Und es sind immer mehr Leute zu seinen Predigten gekommen. Zum Schluss waren 10000 Zuhoerer da. Aber ein Frère Roger des 19. Jahrhunderts war er dann doch nicht. Denn mit Jugendlichen ist er ueberhaupt nicht klar gekommen. Dafuer war er einfach zu altmodisch. Die Kiddies in seinem Dorf haben es echt nicht einfach mit ihm gehabt. Wenn sie mal Party machen wollten, ist er dagegen eingeschritten. Ich habe Bilder von ihm gesehen. Das war ein ganz kleines Maennlein. Er sieht sogar ziemlich verklemmt aus. Und in der Schule soll er auch nicht gut gewesen sein. Vor allem in Latein war er ganz schlecht. Hihi, das macht ihn ja wieder symphatisch. Fast waere er deswegen gar nicht Pfarrer geworden. Es hat aber dann doch geklappt. 70 Jahre nach seinem Tod wurde er heilig gesprochen und zum Vorbild fuer alle Priester erhoben.

Der Pfarrer in Chagny hat am Sonntag in seiner Predigt gemeint, dass das eine schoene Geschichte ist. Der kleinste, schuechternste und unbegabteste Theologiestudent wird der allerbeste Pfarrer und das Vorbild fuer andere. Und das zeige doch, dass jeder fuer irgendwas ein Talent hat. Man muesse nur herausfinden, fuer was genau. Hm, also ich sehe das etwas anders. Einerseits hat der Curé d´Ars echt was bewegt. Gar keine Frage. Aber wenn ich sehe, wie er mit den Jugendlichen umgegangen ist, dann sehe ich auch einen kleinen Despoten. Wahrscheinlich hat er das gebraucht. Als ueberzeugte KjG-lerin finde ich, dass ein guter Pfarrer nur einer ist, bei dem auch eine gute Jugendarbeit laeuft. Bringt doch nichts, wenn einer 10000 Muetterlein mobilisiert und 14 Stunden am Stueck die Beichte hoert, aber die Jugend vergrault. Und dass heute immer noch so ein altmodischer und verklemmter Typ das offizielle Leitbild fuer einen guten Priester ist, wirft kein besonders tolles Licht auf unsere Kirche. Da wuesste ich bessere Vorbilder. Frère Roger zum Beispiel.

In Taizé war ich naemlich auch. Von Chagny bin ich in drei Tagen ueber Taizé nach Cluny gegangen. Es war wieder herrlich unterwegs. Das Wetter ist jetzt richtig toll und der Weg fuehrt mitten durch die Weinberge und vorbei an alten Schloessern und Kirchen. In Saint-Gengoux-le-National habe ich den Pilgerweg verlassen, um ueber eine ehemalige Eisenbahnstrecke nach Taizé zu gehen. Jetzt ist da ein Radweg. Oh, Mann, 12 Kilometer immer geradeaus, ohne Baum und es waren wieder 31 Grad. Dabei hatte ich an dem Tag bis Saint-Gengoux schon 19 Kilometer weg. Ich komme jetzt aber besser mit der Hitze und den Entfernungen zurecht. Ich weiss jetzt auch, wie ich meine Wasserreserven besser koordiniere. Obwohl ich nie mehr als einen Liter mit mir trage, schaffe ich es, vier bis fuenf Liter am Tag zu haben. Eigentlich habe ich gerade einen ganz guten Run. Deshalb habe ich in Taizé auch nur einmal uebernachtet und bin am naechsten Tag nach dem Morgengebet gleich weiter. In Taizé muss man entweder eine ganze Woche sein oder gleich weiter gehen. Sonst ist man da irgendwie fehl am Platz und haengt etwas verloren zwischen lauter Leuten herum, die alle das Taizé-Feeling drauf haben und sich schon sehr gut kennen.

Die Gebete waren aber gut. Bei uns in Darmstadt bin ich schon ein paar Mal zum Taizégebet in die Ludwigskirche gegangen. Aber in Taizé selbst ist das noch etwas ganz anderes. Ich habe es sehr schoen gefunden, dass es so allmaehlich ausgeklungen ist und es kein offizielles Ende gibt. Man sitzt einfach da in der Kirche mit seinem Baenkchen, kann mitsingen oder einfach zuhoeren. Es war eine sehr gute Stimmung zum meditieren. Nach den 30 Kilometern heute war mir auch sehr danach. Das Abendgebet habe ich richtig genossen. Viel Kontakt habe ich aber nicht bekommen. Schade eigentlich. Aber gestern Abend war ich einfach zu muede und wollte einfach nur in der Kirche sitzen. Ja, und das Fruehstueck wird eigentlich sehr schnell abgewickelt, damit das Tagesprogramm losgehen kann. Da sind wir nicht gross ueber ein „salut, d´où où“ hinausgekommen.

Heute bin ich nicht so weit gegangen wie gestern, nur zehn Kilometer bis Cluny, aber wieder auf derselben ehemaligen Eisenbahnstrecke wie gestern. Als es heiss wurde, war ich also schon da. Aber man braucht auch seine Zeit in Cluny, um den gewaltigen Abteikomplex anzuschauen. Hier ist um 1100 die groesste Kirche der Christenheit gebaut worden. 187 Meter war sie lang! Das waere eine Sensation, wenn die noch da stehen wuerde. Leider wurde sie nach der Franzoesischen Revolution von einem Bauunternehmer abgebrochen. Ein paar Reste der Kirche sind noch zu sehen, ein Turm, ein Torbogen und die Pfeilerstuempfe, die man ausgegraben hat. So kann man erkennen, wie riesig die Kirche gewesen ist. Vor allem, wenn man unten im Turm steht und hoch blickt, hat man dieses Erlebnis. Das muss eine gewaltige Kirche gewesen sein. Von hier ist auch eine Klosterreform ausgegangen wie von Citeaux, aber schon fast 200 Jahre vorher. Und auch hier hat sich gezeigt, was fuer einen Erfolg das mit sich brachte. Cluny hatte schliesslich 1000 Unterkloester mit 20000 Moenchen. 300 davon haben in Cluny selbst gelebt. Die Abtei wurde so reich und maechtig, dass einer der Moenche gesagt hat, das ihm das nicht mehr glaubwuerdig ist. Das war Robert de Molesme, der dann nach Citeaux gegangen ist. Ich finde das bemerkenswert, dass es hier in Burgund soviele Aufbrueche und Reformen bei den Kloestern gegeben hat: Cluny und Citeaux im Mittelalter und Taizé heute.

Im Museum von Cluny sind noch einige Kapitelle und Ornamente der Abteikirche zu sehen. Die schoensten Kapitelle sind aber nicht im Museum, sondern in der ehemaligen Kornscheune des Klosters, in der man den Chor der Kirche nachgestaltet hat. Die Figuren auf den Chorkapitellen symbolisieren die Paradiesfluesse, die Winde und die Toene der Musik. Sie haben Gewaender an, die unten am Rand flattern. Dadurch wirken die Figuren ganz leicht. Flatterhaft eben, wie Winde und Musiktoene nun mal sind. Meine Geige habe ich mir in den Abteibereich mitgenommen und vor den Kapitellen versucht, zu improvisieren. Zuerst habe ich den Fluss und Wind nachgemacht, wie sie rauschen, und dann habe ich auch die verschiedenen Toene nachgespielt. Es gibt an der Kasse ein sehr gutes Heft, in dem genau drin steht, was das fuer Toene sind. Das war eine gute Anregung. Denn dieser alte Speicher hat einen richtig guten Klang. Leider konnte ich nicht viel spielen, weil heute Abend hier ein Konzert ist. Floetensonaten von Haendel, Haydn und Mozart. Und dafuer wurde noch aufgebaut. Die Arbeiter haben mich fuer eine Musikerin gehalten, die noch ueben muss. Aber dann sind die Musiker auch gekommen, um Tonproben fuer die Lautsprecher zu machen. Also musste ich aufhoeren. Aber ich gehe nachher in das Konzert. Die Karte habe ich schon. Also, ich wuerde gerne auch mal ein Konzert in dem Kornspeicher geben. Inzwischen habe ich naemlich soviel geuebt, dass ich mir das wirklich zutraue, mal solo was zu machen.

Mein Bett habe ich diese Nacht in der Pilgerherberge Séjour, die in einem ehemaligen Abteigebaeude eingerichtet ist, und zwar nicht weit weg von dem Museum, in dem ich meinen Rucksack abgestellt hatte. Das ist praktisch. Gestern wurde mir mir am Telefon gesagt, dass sich noch andere Pilger angemeldet haben. Na, wurde auch Zeit. Seit Bellemagny habe ich keinen mehr unterwegs getroffen. Jetzt gehe ich hin, um mein Bett zu beziehen und um mich fuer das Konzert in der Klosterscheune zurecht zu machen.

Bisou

vôtre Julie

Samstag, 1. August 2009

Schloesser, Moenche, Weine und Altaere - Man ist eben in Burgund

Salut! Ich bin in Chagny. Das ist mitten in Burgund und es geht mir supergut. Meine Augenentzuendung ist weg, das Wetter hat sich gebessert, die Landschaft ist praechtig, den Wein kann man trinken und die Kunst ist schoen. So muss es sein und nicht anders!

Die Augenklappe muss ich natuerlich noch tragen. Aber die Idee von Docteur Rousse, das Auge keinem Licht auszusetzen, war echt prima. Wenn ich in Kirchen bin oder wie gestern im Hotel Dieu in Beaune, nehme ich die Klappe ab, klar. Denn den fantastischen Weltgerichtsaltar von Rogier van der Weyden moechte man doch schon mit beiden Augen sehen.

Aber von Anfang an. Als ich am Dienstag in Dole weitergangen bin, ist es mir noch gar nicht so gut gegangen. Ich hatte schlecht geschlafen und wild getraeumt. Na ja, dadurch bin ich erst ziemlich spaet aus dem Quark gekommen und war erst am Abend in Saint-Jean-de-Losne. Dort fuehrt eine Bruecke ueber die Saone und man kommt nach Burgund. Also, die Franche-Comté habe ich richtig lieb gewonnen, trotz des schlechten Wetters und der schlammigen Wege. Denn die Menschen sind so herzlich. Und ein ganz, ganz dickes Lob muss ich bei der Asso franc-comtoise loswerden. Wie sie die Pilger unterstuetzt, das ist echt professionell. Der Weg ist super ausgeschildert, die Herbergen sind klasse. Es sind soviele Menschen, die sich wahnsinnig viel Muehe machen, damit es dem Pilger gut geht. Leider kommen noch viel zu wenige hierher. Leute, ich kann nur sagen, hey, lasst doch diesen ueberlaufenen Weg in Spanien und kommt in die Franche-Comté. Hier findet ihr noch, was das Pilgern eigentlich ausmacht: Ruhe, Zeit zum Nachdenken, Hilfsbereitschaft, Herzlichkeit.

In Burgund ist der Support nicht so gut organisiert, da muss man als Pilger wieder selber mehr tun. Meistens schlafe ich in Pfarrhaeusern, wobei mir das Empfehlungsschreiben aus meiner eigenen Gemeinde sehr hilfreich ist. Wir haben es ja bilingual aufgesetzt, auf deutsch und franzoesisch.

Die erste Uebernachtung in Burgund hatte ich in Citeaux, wo der Zisterzienserorden gegruendet worden ist. Weil ich in einer Privatunterkunft war, bin ich nur zur Komplet gegangen. Es war auch wieder sehr schoen, aber nicht so wie in der Abbaye d´Acey. In Citeaux fehlt einfach die Romanik. Das Kloster ist naemlich waehrend der Franzoesischen Revolution abgerissen worden. Aber vor etwas mehr als 100 Jahren sind die Moenche wieder zurueckgekommen. Sie haben sich eine neue Kirche gebaut, die aber ganz einfach ist und nicht die Harmonie der mittelalterlichen Bauwerke besitzt. Daran hat auch der Umbau vor zehn Jahren nichts geaendert. Es gibt zwar noch historische Abteigebaeude, aber die alte Kirche fehlt eben. In der Abbaye d´Acey hat alles zusammen gepasst. Das war einmalig.

Dafuer habe ich bei Robert, meinem Gastgeber, viel gelernt. Robert ist Witwer und nimmt Pilger bei sich auf, damit er nicht einsam ist. Er forscht ueber die Zisterzienser und hat mir erzaehlt, dass die meisten Leute wegen Bernard de Clairvaux hierher kommen. Den kennen naemlich alle. Aber Bernard ist nur drei Jahre hier gewesen und hat die Zisterzienser auch gar nicht gegruendet, wie viele glauben. Das hat schon 15 Jahre vorher Robert de Molesme gemacht, nach dem mein Gastgeber von seinen Eltern benannt worden ist. Klar, dass Robert grosse Stuecke auf seinen Namenspatron haelt. Robert de Molesme und seine Mitbrueder lebten zuerst einfach und ruhig in Citeaux. Aber dann kam Bernard, ist mit ganz vielen Verwandten in die Abtei eingetreten und hatte auf einmal das Sagen. Er hat den Orden total umgekrempelt und viele neue Kloester gegruendet. Citeaux wurde zu einer Zentrale fuer 500 Kloester ueberall in Europa. Sogar bei uns in Hessen sind welche gebaut worden. Ich habe gesagt, dass die aelteren Moenche das sicher ziemlich geaergert hat, weil es mit ihrer Ruhe nun vorbei war. Robert, also mein Gastgeber, meinte, dass das heute sehr schwer zu beurteilen ist. Hat Bernard alles fuer seine Interessen an sich gerissen und hat er in den Orden neues Leben gebracht? Wahrscheinlich doch beides. Jedenfalls war er unglaublich erfolgreich. In der Abtei erfaehrt man das ja gar nicht so, weil man sich mit den Moenchen gar nicht unterhalten kann.

Und dann kam der schoene Weg ueber Nuit-Saint-Georges nach Beaune. Die Cote-d´Or ist die absolute Weingegend. Ich glaube, hier wachsen einige der teuersten Weine der Welt. Heisst ja nicht umsonst Goldkueste. Eine Flasche kostet soviel wie die Jupe, die ich in Dole gekauft habe: 37 Euro. Oh Mann, davon lebe ich vier Tage. Aber ein Erlebnis ist das sicher schon, so eine Bouteille aufzumachen. Na, da muss man aber zu mehreren sein. Aber der Pfarrer in Beaune hatte eine gute Flasche aus dem Keller geholt. Er meinte, das geht nicht, dass ich die ganze Cote-d´Or entlang wandere und nichts davon abkriege. Auf dem Weg sieht man wirklich alle beruehmten Weinlagen. Und die schoenen Weingueter, die mitten in den Weinfeldern liegen. Traumhaft, hier zu wohnen. An zwei Schloessern bin ich direkt vorbei gekommen, an Gilly-les-Citeaux und Clos de Vougeot. Wunderschoen! Die anderen Gueter konnte ich leider nur von der Rueckseite sehen, weil der Weg oberhalb der Weinfelder am Waldrand entlang fuehrt. Aber der Blick von da oben auf die Landschaft ist einmalig.

In Beaune habe ich gestern das Hotel Dieu besucht. Das ist ein alter Hospitalkomplex aus dem 15. Jahrhundert, der noch komplett so erhalten ist. Erinnert Ihr Euch noch, was ich in Guebweiler ueber die Aufstellung des Gruenewaldaltars in Isenheim geschrieben habe? Dass die Kranken von ihren Betten den Altar sehen konnten? Ja, und in Beaune ist das noch so. Dort gibt es einen grossen Krankensaal, bei dem laengs an den Waenden die Betten so aufgestellt sind, dass die Kranken zur Kapelle blicken konnten. Und da stand der grosse Weltgerichtsaltar von Rogier van der Weyden. Auch wieder so ein riesiger Fluegelaltar. Heute steht er am anderen Ende des Krankensaales in einem Nebenraum, wo man ihn ziemlich gut aus der Naehe sehen kann. Und fuer die Einzelheiten hat man eine grosse Lupe davor installiert. Die faehrt automatisch auf und ab und man kann sich viele Details noch genauer anschauen. Nicht schlecht!

Die beiden Altaere sind ja fuer denselben Zweck gemalt worden, naemlich um Kranke zu troesten und bis zu ihrem Tod zu begleiten. Gruenewald hat den Kranken gezeigt, dass Jesus am Kreuz und der heilige Antonius genau so viele Schmerzen gehabt haben wie sie selber. Rogier hat sein Weltgericht ganz anders gemalt, viel feiner und mit sehr viel Gold als Hintergrund. Ihm ging es darum, dass hier eine Gegenwirklichkeit stattfindet, eine ganz andere Welt als unsere. Rogier hat die Schoenheit des Himmels gemalt und den Kranken gezeigt, was sie nach ihrem Tod erwartet. Da purzeln zwar viel mehr Menschen in die Hoelle als in den Himmel kommen, aber den meisten Raum auf dem Bild nehmen die vielen Heiligen ein, die um Jesus herumsitzen und ihn bitten, doch gnaedig zu sein. Ich habe mir ueberlegt, welcher der beiden Altaere die Kranken mehr getroestet hat. Ich kann mir vorstellen, dass es Rogier mit seinem Altar besser gelungen ist. Denn Gruenewald hat fuer meinen Geschmack etwas zu dick aufgetragen. Aber vielleicht haben die Leute frueher das ganz anders gesehen. Jedenfalls sind beide Altaere auf ihre Weise ganz toll.

Bisou

vôtre Julie

Montag, 27. Juli 2009

Mit "Monsieur Kerkelong" beim Augenarzt

Salut! Das habe ich jetzt davon! Erinnert Ihr Euch noch, wie ich auf den Odilienberg gestiegen bin und ueber die heilige Odilia geschrieben habe? Die Odilia war ja eine Heilige gegen Augenweh und ich hatte geschrieben, dass mir eine Heilige gegen Liebeskummer doch viel wichtiger ist. Und die habe ich ja dann auch tatsaechlich mit der heiligen Richardis von Andlau gefunden. Ja, und jetzt hat mich die Rache der heiligen Odilia erwischt. Weil ich ihr nicht die gebuehrende Ehre erwiesen habe. Oh Mann, haette ich geahnt, dass diese Heiligen so eifersuechtig aufeinander sind. Ich haette ja alle vorhandenen Kerzen aufgestellt. Aber auf dem Odilienberg waren Augenprobleme echt nicht mein Thema.

Jetzt schon. Mein linkes Auge hat sich entzuendet und ich bin deshalb hier in Dole zum Augenarzt gegangen. Ich musste ziemlich warten, bis ich dran kam und habe den ganzen Morgen im Wartezimmer verbracht. Der Augenarzt war aber sehr nett und wollte alles ueber meine Pilgerreise wissen. Ob ich auch von diesem "Monsieur Kerkelong" inspiriert bin? Non, konnte ich da mit geschwellter Brust sagen. Na ja, soweit man in einem Augenarztsessel seine Brust schwellen lassen kann. Als Ministrantin wusste ich natuerlich schon vorher vom Jakobsweg. Dazu brauche ich keinen "Monsieur Kerkelong". "Tres bien" hat er da gesagt. Aber die Franzosen haben das schon mitbekommen, dass immer mehr Deutsche pilgern, seit "Monsieur Kerkelong" da gewesen ist. Sie haben gedacht, das ist ein wichtiger Schriftsteller oder Literat, weil so viele ihm das nachmachen. Auf Komiker waeren sie nie gekommen. Zu unserer Ehrenrettung habe ich dem Arzt berichtet, dass bei uns in Darmstadt Georg Buechner geboren ist und gleich nebenan in Frankfurt Goethe, und dass wir in der Schule immer noch deren Buecher lesen. "Tres bien" hat er da wieder gesagt. Und dann hat er etwas ganz liebes gemacht. Sein deutscher Lieblingsdichter ist naemlich Heinrich Heine und er hat extra fuer mich ein Liebesgedicht von Heine aufgesagt:

"Wenn ich in Deine Augen seh,
so schwindet all mein Leid und Weh.
Doch wenn ich kuesse Deinen Mund,
so werd ich ganz und gar gesund."

Ach, ich liebe die Franzosen. Die sind ja soooo charmant. Ich werde bestimmt mal einen von ihnen heiraten! Keine Frage! Und meine erste Tochter nenne ich Odilia. Zur Wiedergutmachung.

Aber als der Docteur dann wirklich in meine Augen geschaut hat, ist sein Leid und Weh doch nicht geschwunden. Und er hat auch nicht mehr "tres bien" gesagt. Das waere ja ganz schoen entzuendet, meinte er. Die Augen sind zu trocken, ich haette zu wenig Traenenfluessigkeit. Ich? Die doch immer so nah am Wasser wohnt! Zu wenig Traenenfluessigkeit? Ist ja was ganz neues. Hm, da hat doch sicher die heilige Odilia dran gedreht. Pah!

Na ja, wenn man Odilia gegen sich hat, dann helfen immer noch Augentropfen. Die muss ich jeden Morgen und jeden Abend nehmen. Und der Hammer, jetzt kommts, ich muss eine Augenklappe tragen. Mindestens zwei Wochen darf das Auge kein Licht sehen. Die hat der Docteur mir gleich mitgegeben. Er hatte eine ganze Schublade voll davon. Jetzt laufe ich hier herum wie Geoffrey Rush als Captain Barbossa im Fluch der Karibik. Nur dass ich im falschen Film bin. Denn hier wird der "Fluch des Mont Sainte-Odile" gedreht. Fuer die Strassenmusik ist das sicher gut. Ah, la pauvre fille! Aber sonst? Ich werde mir heute abend einen Seitenscheitel kaemmen, damit meine Haare drüber fallen. Bin ja gaaaar nicht eitel!

Shoppen war ich auch. Ich habe eine jupe utilitaire gekauft. Das ist ein praktischer knielanger Reiserock. Den gab es runtergesetzt von 50 auf 37 Euro. Echt das beste bei verschlammten Wegen. Die Verkaeuferin hat mir erzaehlt, alle franzoesischen Maedchen, die pilgern, haben so eine Jupe. Bloss, seit ich in Frankreich bin, habe ich noch kein pilgerndes franzoesisches Maedchen getroffen. Deshalb war die Jupe sicher billiger.

So, morgen geht es weiter. Ich hoffe, die Tropfen nutzen was. Bin schon gespannt, wie Burgund mit einem Auge aussieht.

Bisou

vôtre Julie

Sonntag, 26. Juli 2009

Mein Weg durch Blitz und Donner ins Schweigen

Salut! Da bin ich wieder. Das war eine heftige Woche in der Franche-Comté. Einsam und anstrengend. Und in der zweiten Haelfte hatte ich ein volles Gewitterprogramm. Aber es hat mir viel gegeben. Denn in der vorletzten Nacht, die ich bei den Trappisten in der Abbaye d´Acey verbracht habe, wurde mir deutlich, dass die Tage davor ein Weg ins Schweigen waren, der im Kloster seinen Hoehepunkt gefunden hat. Jetzt bin ich in Dole und hier im Cybercafé laeuft das Kontrastprogramm. Es wird mal wieder dieses Preisradrennen uebertragen, das neulich in der Naehe von Belfort war. Der Reporter ist ganz aufgeregt. Na, der sollte auch mal zu den Schweigemoenchen gehen. Morgen werde ich noch in Dole bleiben, da ich mal wieder zwangsweise einen Ruhetag einlegen muss. Denn mein linkes Auge hat sich irgendwie entzuendet, weil ich ab dem fruehen Nachmittag immer die Sonne von vorne habe. Dabei laufe ich hier aufgebrezelt wie ein lichtscheuer Uhu herum, mit einer grossen Sonnenbrille und einer Basecape. Ich gehe morgen frueh mal zum Augenarzt und werde hoeren, was er dazu sagt.

Der Ruhetag ist auch wichtig, weil ich nach den Schlammschlachten, die ich auf den vielen Waldwegen veranstaltet habe, unbedingt wieder waschen muss. Zuerst war es ja noch richtig gut mit dem Wetter. Viel Sonne, aber nicht zu heiss. Angenehm. Am Mittwoch sind die Temperaturen wieder nach oben gegangen. Na ja, so richtig habe ich es noch nicht gemerkt, weil ich da schon den Wald erreicht hatte. Also, bis Mittwoch ging es. Aber am Donnerstag und Freitag, oh, oh, oh, da gingen die heftigen Gewitter los. Boah, die waren so was von krass. Das hat wahnsinnig laut gekracht. Bestimmt dreimal am Tag ist so ein Gewitter gekommen. Und was fuer ein Sturm und ein Regen. Hoho. Ich hatte ja eine hoellische Angst, von einem Ast oder vom Blitz getroffen zu werden. Klar, so mitten im Wald. Wenn wieder ein Gewitter anrollte, habe ich im Fuehrer nachgesehen, wo das naechste Dorf ist und bin dorthin, um mir ein Bushaeuschen zu suchen. Aber die Gewitter waren meistens schneller als ich. Und ich war wieder nass und hatte noch den Umweg. Also, ich wuerde sagen, die Asso franc-comtoise hat den Jakobsweg ja sehr schoen ueber Waldwege gefuehrt. Aber wenn die alle aufgeweicht sind, findet man eine Asphaltstrasse auch ganz cool. Irgendwann war es mir dann total egal. Ist sowieso alles dreckig geworden.

Es war also wieder ziemlich extrem und die Etappen zwischen den Herbergen sind auch nicht gerade die kuerzesten. Meistens so 25 bis 30 Kilometer. Aber die Herbergen waren gut. Total liebe Leute. Die Asso franc-comtoise hat einen super Telefonsupport eingerichtet. Da kann man anrufen und bekommt ganz unterschiedliche Quartiere vermittelt. Das war mal eine normale Gite, dann mal ein Bauernhof, Privatquartiere, ein Kloster und ein kirchliches Bildungshaus. Ich habe immer duschen koennen und nette Gespraeche mit meinen Gastgebern gehabt.

Der Hoehepunkt der Woche war die Abbaye d´Acey. Das ist eine Zisterzienserabtei, die noch ganz typisch so gebaut ist, wie sich die Moenche ein Kloster anfangs vorgestellt haben. Die Zisterzienser haben im 11. Jahrhundert das Benediktinertum erneuert, in dem sie zu einer urspruenglichen Strenge zurueckgekehrt sind. Hier leben Trappisten, eine Gruppe der Zisterzienser, die noch asketischer sind, weil sie sich dem Schweigen verpflichtet haben. Und so ist auch ihre Kirche gebaut. Ganz einfach und schlicht, nichts ueberfluessiges ist da drin. Nur das, was man braucht, um einen wuerdigen Gottesdienst zu feiern. Kein Kirchturm, keine Verzierungen an den Pfeilern, nichts. Alles ganz einfach. Toll! Vor ein paar Jahren hat die Kirche neue Fenster bekommen, die sehr modern sind, aber total gut zu der Strenge passen. Sie sind eigentlich nur weissgrau wie die Zisterzienserkutten und haben schwarze Striche, bei denen man nachdenken kann, was sie bedeuten.

Ich bin lange in der Kirche gewesen und einfach nur ganz still da gesessen. Mein Geigenspiel haette hier bestimmt nicht gepasst. Viermal war ich beim Stundengebet der Moenche. Es gibt feste Gebetszeiten und in der Zeit, in der ich da war, konnte ich an der Vesper, der Komplet, der Vigil und der Laudes teilnehmen. Und direkt nach der Laudes auch noch an der Messe zum Jakobustag. Das ist ein ganz anderer Rhythmus als wie ich ihn habe. Die Komplet ist um viertel nach acht. Danach gehen alle schlafen, weil der Tag um viertel nach vier mit der Vigil wieder anfaengt. Das war faszinierend, morgens um vier in die fast noch dunkle Kirche zu gehen, dem gregorianischen Gesang der Moenche zu lauschen und dabei zu erleben, wie der Raum immer heller wurde. Und das auch noch zum Jakobusfest. Ich habe alles auf mich wirken lassen und einfach nur gestaunt.

Danach gab es ein Fruehstueck, das sagenhaft war. Um sieben haben wir uns wieder zur Laudes und zum Jakobusgottesdienst in der Kirche getroffen. Als Pilgerin durfte ich die Lesung vortragen. Ein Satz aus dem Paulusbrief ist mir noch in Erinnerung: "Terrassés, mais non annihilés." Wir werden zu Boden geworfen, aber nicht vernichtet. Wie oft bin ich in den letzten Tagen im Matsch ausgerutscht. Und dann stehe ich mit meiner verschlammten Pilgerhose da in der Abteikirche und lese das vor. Irre! Und die Moenche haben an mir runtergeschaut und richtig breit gegrinst.

Die Moenche bekommen unglaublich viel mit. Sie strahlen soviel Herzlichkeit aus. Hier mal ein Laecheln, da ein Zwinkern, dort ein Augenblinzeln und dann das breite Grinsen bei der Lesung. Ich glaube, sie haben mich gemocht, weil ich mich fuer ihr Leben interessiert habe.

Ueber das Schweigen auf dem Weg habe ich mir auch vorher schon Gedanken gemacht. In meine Pilgerkladde hatte ich mir naemlich ein paar Saetze notiert, die mir als Pilgerimpulse gut gefallen haben. Ein Vers lautet:

"Geh,
deine Schritte werden deine Worte sein,
der Weg dein Gesang.
Dein Schweigen wird schliesslich zu dir sprechen.
Und dann ist dein Staunen deine Anbetung."

Auf den langen Wegen ist mir dieser Satz wieder eingefallen. Na ja, ein matschiger Waldweg ist vielleicht nicht unbedingt mein Gesang. Denn so schlecht singe ich ja auch nicht. Aber mein Schweigen hat wirklich zu mir gesprochen. Und es hat mich zum Staunen gebracht. Es war eine gute Woche.

Bisou

vôtre Julie

Samstag, 18. Juli 2009

Tour de France: Darf man beim Pilgern dopen?

Salut! Wir haben die Franche-Comté erreicht und hier sagt man nicht mehr sali, sondern salut. Es wird immer franzoesischer. Hier in Belfort ist ein ziemlicher Trubel, weil die Tour de France heute irgendwo in der Naehe vorbei faehrt. Einige aus dem FJT (das ist die franzoesische Jugendherberge) sind zur Strecke gefahren und wollten uns mitnehmen. Muss ich aber nicht haben, stundenlang bei dieser Affenkaelte am Strassenrand auf ein paar vollgedopte Radfahrer zu warten. Luisa hatte auch kein Interesse. Sie bemerkte, an den Trikots kann man erkennen, welche Farbe die Pillen haben. Gelb, gruen oder rot gepunktet. Ich weiss gar nicht, warum sich noch jemand fuer die Tour interessiert. Aber hier sind alle ganz naerrisch.

Darf man eigentlich beim Pilgern dopen? Ich habe ein Kreislaufmittel wegen niedrigem Blutdruck. Auch so ein kleiner bunter Muntermacher. Aber ganz harmlos. Hat mir mein Arzt verschrieben. Nachher bekomme ich keine Urkunde, weil Novadral auf der Liste der Pilgerdopingmittel steht *grins*. Oder der liebe Gott sagt, ne, in den Himmel kommste nicht rein. Hast ja beim Pilgern gedopt. Na, das waere aber ganz schoen bloed in dem Moment.

Wir haben in Belfort einen Tag Pause eingelegt, denn Luisa faehrt morgen von hier wieder zurueck nach Darmstadt. Ihre Pilgertage sind leider schon wieder vorbei. Naechste Woche faehrt sie mit ihrer Jugendgruppe nach Daenemark. Jetzt machen wir hier einen Wasch-, Schreib-. Besichtigungs- und Strassenmusiktag. Nach zehn Tagen Gehen am Stueck wird es mal wieder Zeit dafuer. Zum Schreiben sind wir in die Bibliothèque municipal gegangen. Hier ist es schoen leer und ruhig. Weil ja alle bei der Tour sind *grins*.

Von Guebwiller haben wir drei Tage bis Belfort gebraucht. Der erste Tag war noch schoenes Wetter, aber dann hat es zwei Tage geregnet. Gestern sogar ununterbrochen. Wir sind schon sehr frueh gestartet und waren recht bald an dem schoenen See von Thierenbach. Endlich wieder ein See! Und wie wir da so vergnuegt im Wasser herumplanschten, kamen auf einmal Thomas und Marie aus der Kirche. Jetzt muessen sie uns fuer total verbloedet halten. Marie hat Thomas auch sofort weiter gezogen. Hihi. In der Pilgerherberge in Thann und bei den Benediktinerinnen in Bellemagny sind wir uns ziemlich aus dem Weg gegangen. Ich glaube, sie haben den Blog gelesen. Haben aber nichts gesagt.

Gleich neben dem See steht die Barockkirche Notre-Dame, eine Marienwallfahrtskirche. Zwei Kinder sollen in unserem Weiher eine Marienfigur gefunden haben. Dann ist eine Kirche gebaut worden und die Wallfahrt hat begonnen. Die Kirche gehoerte uebrigens zu einem Benediktinerkloster, das Jakobspilger aufgenommen hat. Die Klosterscheune ist vor ein paar Jahren zu einem schicken Restaurant umgebaut worden. Jeden Abend wird jetzt dort ein Puppenspiel aufgeführt. Es handelt von einem Pilger, der ins Kloster kommt und um eine Suppe bittet. Ein cooler Plot, meinte Luisa. Da weiss man doch, was man am Froschkoenig hat. Das Restaurant macht einen teuren und sehr edlen Eindruck. Man muesste mal ausprobieren, ob man auch als echter Pilger eine Suppe bekommt. Sonst ist das nur ein Pseudo-Pilger-Puppenspiel, um Touris anzulocken. Eine Pilgerherberge gibt es in Thierenbach uebrigens nicht mehr. Also ich finde das schlimm, wenn Leute mit dem Jakobsweg so ein Geschaeft machen und gleichzeitig fuer die Pilger so wenig tun.

Von Thierenbach fuehrte uns der Weg durch den Wald nach Thann, wo eine grosse gotische Wallfahrtskirche steht. Der Monsieur, der in der Kirche aufgepasst hat, erzaehlte uns, dass im Mittelalter aus Deutschland mehr Pilger nach Thann als nach Santiago gegangen sind und dass Thann das Santiago des Elsass ist. Hier wird naemlich der Finger des heiligen Theobald verehrt. Wow, ein ganzer Finger. Luisa war wieder drauf und dran, eine ihrer Bemerkungen zu machen. Aber ich habe sie angestupst und "sag es nicht" gezischt. Der heilige Theobald war Bischof von Gubbio in Italien und hat sich um Rompilger gekuemmert. Deshalb ist er fuer Pilger ein besonderer Heiliger. Wie Jakobus. Im grossen Portal der Kirche kann man ihn mit zwei Pilgern erkennen. Man muss aber genau hinsehen. Das Portal ist naemlich riesengross. 18 Meter hoch und 8 Meter breit, weiss mein schlauer Fuehrer. Und das ist nur das mittlere. Rechts und links davon sind auch noch Portale. 500 Figuren sollen hier zu sehen sein. Die Kathedrale von Strassburg hat auch nicht viel mehr. Und das alles wegen einem Finger. Irgendwie schon faszienierend, was fuer schoene Sachen durch den Glauben der Menschen frueher entstanden sind.

Der Weg von Thann nach Belfort war wieder schoen, aber es hat auch sehr viel geregnet. Gestern sogar den ganzen Tag. Hinter Bellemagny kommt eine neue Landschaft. Die Franche-Comté sieht ganz anders aus. Keine Weinberge mehr, sondern viele Weiden und Wiesen und hin und wieder noch ein kleiner Wald. Wir haben aber nicht soviel davon mitbekommen, sondern in dem Regen unsere Koepfe eingezogen und sind immer weiter gegangen. Eigentlich haben wir keine Pause gemacht. Aber es gab auch nichts, wo wir uns hinsetzen konnten. Erst nach 15 Kilometern in der Boulangerie von Denney haben wir angehalten und Kuchen gegessen. Einen Kaffee haben wir auch bekommen. Und dann wieder raus in den Regen fuer die letzten sieben Kilometer nach Belfort. Wir sind pitsche-patsche nass am FJT angekommen. Viel haben wir an dem Abend nicht mehr gemacht. Wir waren echt mal wieder fertig.

Dafür sind wir aber heute durch Belfort gegangen. Die Stadt ist eigentlich nicht so schoen, hat aber eine besondere Bedeutung fuer die Franzosen. Hier gibt es naemlich eine wichtige Festung, die dreimal von den Deutschen nicht erobert werden konnte. Deshalb hat Auguste Bartholdi, ein franzoesischer Bildhauer, ein riesiges Denkmal gemacht, einen grossen Loewen, der gerade wach geworden ist und sich drohend aufrichtet. Dabei bruellt er ganz furchtbar. Das war als Drohung gegen Deutschland gedacht, weil die Deutschen kurz vorher das Elsass erobert hatten. Bartholdi hat wohl gerne zu grossen Formaten geneigt, denn die Freiheitsstatue in New York stammt auch von ihm. Die gefaellt mir aber doch besser als der patriotisch bruellende Loewe, obwohl ich sie noch nie in Natur gesehen habe. Aber in Belfort ist der Loewe das Wahrzeichen. Da kommt sogar die Kathedrale nicht mit, die aber auch nicht besonders schoen ist. Ein ziemlich grosser Kasten aus dem roten Stein, den es hier in den Vogesen gibt.

Wir gehen hier gleich in die Abendmesse und dann noch was essen, bevor Luisa morgen nach Hause faehrt.

Bisou

vôtre Julie

Dienstag, 14. Juli 2009

Wie Luisa und Julia Heilige wurden

Aus Colmar sind wir gestern erst am fruehen Nachmittag weggegangen, aber die viele Kunst in der Stadt hat den Vormittag echt interessant gemacht. Wir waren schon um neun Uhr zur Oeffnung am Unterlinden-Museum, um den Isenheimer Altar anzuschauen. Das ist ein Werk! Ergreifend, sage ich Euch. Matthias Gruenewald hat ihn vor fast 500 Jahren gemalt. Der Altar steht mitten im Chor der Klosterkirche, die jetzt zum Museum gehoert. Man hat ihn auseinander genommen und so hintereinander aufgestellt, dass man alle drei Wandlungen sehen kann. So ein Altar wurde naemlich staendig anders auf und zu geklappt, je nachdem, ob gerade Fastenzeit, ein Feiertag oder das Fest vom heiligen Antonius war.

Luisa und ich haben einen Audioguide bekommen, der uns alles ganz genau erklaert hat. Wir wissen jetzt alles ueber den Isenheimer Altar. Einfach fragen! Und hier nur das allerwichtigste. Das Bild, das am meisten ergreift, ist die grosse Kreuzigung auf der Seite fuer die Fastenzeit. Jesus am Kreuz vor einem tiefschwarzen Hintergrund. Die Haende, die am Balken festgenagelt sind, greifen mit ihren Fingern nach oben, als ob sie flehen wuerden. Er haengt dort mit einem ganz furchtbar zugerichteten Koerper. Unter dem Kreuz ist Magdalena ganz zusammengesunken und auch Maria, die Mutter bricht in Ohnmacht zusammen und wird gerade noch von Johannes gehalten. Eine schreckliche Szene. Wir hatten mal in Reli den Passionsfilm von Martin Scorcese gesehen, aber was Gruenewald hier gemalt hat, ist genau so furchtbar. Die Bilder der zweiten Wandlung sind ganz anders. Knallbunt. Kitschig bunt, wuerde ich sagen. Auch von dem, was zu sehen ist, ziemlich kitschig. Da sitzt Maria mit dem Jesuskind gegenueber von einem Musikpavillon, in dem ganz viele Engel Musik machen. Die Leute frueher haben das bestimmt schoen gefunden, aber heute wirkt es etwas merkwuerdig. Dann ist da auch noch Jesus zu sehen, wie er auferstanden ist und in einer knallig gelben Sonne in den Himmel auffaehrt. Sieht ein bisschen aus wie Reklame. Das absolute Gegenteil von der ersten Seite. Aber schon toll, dieser Kontrast zur Kreuzigung. Fuer die letzte Wandlung hat Gruenewald zwei Bilder mit der Versuchung des heiligen Antonius gemalt. Antonius war ein Einsiedler und wollte einfach nur in Armut irgendwo in der Wueste leben, um ungestoert beten zu koennen. Aber dem Teufel hat das nicht gepasst und er hat schoene Frauen, Gold und zuletzt Monster geschickt, um Antonius zu verfuehren. Man sieht, wie die Monster versuchen, den Antonius rumzukriegen. Haben sie aber nicht geschafft. Antonius ist standhaft geblieben.

Ja, und dann kam vor diesen Monstern so eine typische Luisa-Bemerkung. Sie sagte ganz staubtrocken, wenn Gruenewald heute leben wuerde, haette er nicht die Versuchung des heiligen Antonius, sondern die Versuchung der heiligen Julia hingemalt. Wieso das denn? Ja, meinte Luisa, zwei Szenen aus der Zeit, in der Du mit Christian zusammen gewesen bist.

AUA !!!! LUISA !!!!

Also eigentlich haette ich wuetend sein muessen. Christian ist doch kein Monster! Aber Luisa hat so eine Art, das zu sagen, total trocken und doch irre komisch. Ich musste so lachen und mein Trennungsschmerz war auf einmal ganz weg. Echt! (Pardon, Chris.) Luisa ist eine viel bessere Heilige gegen Liebeskummer als die Richardis in Andlau. Ich habe ihr gesagt, dass mir ein Bild genuegt und dass auf das andere die heilige Luisa als Schutzpatronin aller getrennten Liebenden gemalt wird. Wir haben uns dann vorgestellt, wie die Bilder aussehen muessen. Oh Mann! Das hat es in diesem Museum bestimmt noch nie gegeben. Zwei heilige Jungfrauen, die vor diesen frommen Bildern komplett abkichern. Oh, oh, oh. Peinlich, peinlich. Aber das ist bei Luisa immer so. Kaum bist Du mit ihr zusammen, sagt sie etwas komisches und Du musst den ganzen Tag darueber lachen.

Nach dem Museum waren wir noch in einer anderen Kirche, wo auch ein beruehmtes Bild zu sehen war. Eine Madonna von Martin Schongauer. Dazu wird erzaehlt, dass Albrecht Duerer, als er noch ganz jung war, den Martin Schongauer fuer den besten Maler ueberhaupt gehalten hat. Er wollte unbedingt etwas von ihm lernen und ist ins Elsass gefahren, um ihn zu treffen. Aber als er nach Strassburg kam, war Schongauer gerade gestorben. Duerer konnte nur noch das Bild sehen, das jetzt in Colmar ist. Aber selbst das hat ihm gereicht, um ein guter Maler zu werden. Ich muss ehrlich sagen, die Schongauer-Madonna war auch viel lebensechter und natuerlicher als diese kitschige Gruenewald-Madonna von dem Altar.

Von Colmar fuehrte ein anderer Jakobsweg, der aus Breisach oder Freiburg kommt, wieder zurueck zu unserem Weg. In Herrlisheim haben wir den Tipp aus dem Pilgerfuehrer befolgt und uns im Rathaus den Schluessel fuer den Israelitischen Friedhof geholt. Ein verwunschener Ort. Ich habe meine Geige ausgepackt und beki den Graebern Fiddelmusik fuer die Toten gemacht. Dann ging es hoch zum Couvent Saint-Marc, wo die beiden Wege wieder zusammen kommen. Das ist ein Kloster mit Ordensschwestern, die Pilger aufnehmen. Vorher gab es hier schon seit dem 7. Jahrhundert ein Benediktinerkloster. Eines der ersten in Westeuropa! Wir kamen ziemlich spaet, weil wir ja erst um zwei Uhr zu den 15 Kilometern gestartet sind.

Als wir ankamen, sagte die Ordensschwester, die anderen Pilger sind schon da. Oha, andere Pilger, endlich mal. Ich war schon echt gespannt. Wir trafen sie im Aufenthaltsraum, Thomas und Marie, ein Ehepaar aus Stuttgart, die in Breisach gestartet sind und nach Taizè wollen. Ich glaube, ich habe die beiden gleich ziemlich in Beschlag genommen, so toll fand ich es, mich endlich mit meinesgleichen auszutauschen. Sie waren zwar erst seit zwei Tagen unterwegs, aber hatten schon Camino-Erfahrung, weil sie vor drei Jahren den Camino in Spanien gegangen sind. Na ja, das Gespraech blieb aber eher etwas merkwuerdig. Thomas hat nur wandermaessiges erzaehlt, ob die Schilder noch alle da waren und die Kilometerangaben im Pilgerfuehrer stimmen. Irgendwie hatte ich das Gefuehl, er geht den Weg, um zu kontrollieren, ob der Autor seines Pilgerfuehrers auch alles richtig beschrieben hat. Na ja, ich konnte ja auch meine Erfahrungen, die ich zwischen Wissembourg und Walbourg gemacht hatte, beisteuern. Thomas fuehlte sich total bestaetigt. Ich frage mich, was macht er mit den Informationen, die er da sammelt. Schickt er die alle der Jakobus-Gesellschaft, um einen Orden zu bekommen? Oder schreibt er eines von dieses Pilgerbuechern, in denen man lesen kann, dass die Herberge schmutzig war und wieder einer geschnarcht hat? Ich habe immer versucht, ihm zu sagen, hey, Du gehst doch nicht wegen so ein paar vergammelten Herbergen und den Schildern den Weg. Aber vom Camino Francés hat er offenbar nichts anderes behalten. Jedenfalls redete er nur davon. Marie war eher still und hat sich an unserer Unterhaltung kaum beteiligt. Luisa versuchte, unsere Erlebnisse im Museum anzubringen. Beim Isenheimer Altar sind sie aber nicht gewesen, weil man ja schon ganz frueh auf dem Weg gehen muss, und dass wir da so lustig waren, haben sie auch nicht weiter beachtet. Wahrscheinlich sind wir in ihren Augen zwei alberne Gaense, die alles ganz falsch machen. Na ja, jeder pilgert auf seine Weise.

Am naechsten Morgen sind sie schon frueh losgegangen. Wir waren noch bei der Morgenandacht in der Kirche und haben uns beim Fruehstueck gaaanz viel Zeit gelassen. Warum wohl nur?

Der Tage gehoerte wieder uns und der Weg nach Guebwiller war fantastisch. Es ging fast nur durch Wald, ziemlich auf und ab, aber laengst nicht so wie beim Odilienberg. Und immer wieder gab es tolle Ausblicke. Schon ganz am Anfang beim Kloster Notre Dame de Schauenburg. Da war zuerst eine Burg und dann hat der Burgbesitzer dort ein Kloster gegruendet. Das kann ich gut verstehen, warum die Burg Schauenburg geheissen hat. Luisa haben die An- und Abstiege ziemlich Muehe gemacht und sie fuehlte sich an unsere allererste Etappe erinnert. Sind alle Jakobswege so anstrengend, wollte sie wissen? Ja, eigentlich schon. Also ich finde das Pilgern doch etwas anstrengend. Aber meistens habe ich es gut verkraftet. Bis auf den Horrortrip nach Walbourg. Na ja, Geschichte. Wir haben wieder viele Pausen gemacht und in die Landschaft geschaut. Das Wetter hat auch mitgespielt. Unterwegs haben wir die kleinste Kapelle der Welt besucht. Notre Dame de Huebel. Eigentlich nur ein Kaestchen. Echt mini. Mit einer Maria, die den toten Jesus auf dem Schoss haelt. Und wir waren im Schaefertal, wo Maria einem Schaefer an einem schwuelen Tag das Wasser aus dem Felsen gehauen hat. Das haette sie vorletzte Woche mal bei mir machen sollen. Aber ich war da in der falschen Gegend. Denn hier gibt es Mineralwasserquellen. In Soulzmatt konnten wir uns die Wasserflaschen mit einem spitzenmaessigen Sprudelwasser nachfuellen. Ausserdem hat uns dort ein Winzer eine Flasche Wein geschenkt. Einfach so. Die trinken wir heute abend hier in Guebwiller.

Hier in Guebwiller waere ich gerne in die Dominikanerkirche gegangen, weil im Pilgerfuehrer steht, dass es dort eine gute Akustik gibt. Das waere doch was fuer meine Geige. Aber in der alten Kirche, der romanischen, ist auch ein guter Klang. Ich habe zuerst drinnen gespielt und dann draussen noch was Strassenmusik gemacht. In Colmar habe ich damit nicht schlecht verdient. Da war naemlich gerade ein Musikfestival und alle hatten Sinn fuer Musik. Hier nicht so sehr, aber Guebwiller ist ja auch nur ein kleiner Ort. Immerhin, ein Vorort von Guebwiller ist dieses Isenheim, wo der Gruenewald-Altar frueher gestanden hat. Da gab es naemlich ein Krankenhaus fuer Leute, die eine Mutterkornvergiftung hatten. Wir haben das mal in Bio gehabt. Das ist ein Pilz, der das Getreide befaellt und alle, die davon gegessen haben, langsam von innen auffrisst. Dabei entsteht ein wahnsinniges Brennen im Koerper. Schaurig. Heute gibt es das zum Glueck nicht mehr, weil das Getreide besser gereinigt werden kann. Aber frueher sind viele daran gestorben. Und der Orden der Antoniter hat die Kranken bis zu ihrem Tod gepflegt. Zum Trost der Vergifteten haben sie den grossen Altar malen lassen. Der war so aufgestellt, dass alle ihn von ihren Krankenbetten haben sehen koennen.

Thomas und Marie haben wir noch nicht wieder getroffen. Obwohl sie auch nach Guebwiller wollten. Beim Pilgerempfang, dem Accueil de Pelerins, waren sie nicht. Der ist wohl ziemlich neu und steht noch nicht im Pilgerfuehrer. Die Adresse habe ich aus einer ganz aktuellen Unterkunftsliste der Elsaessischen Jakobusgesellschaft.

Bisou

vôtre Julie

Sonntag, 12. Juli 2009

The lonesome cowgirl on the road

Sali! Ich bin in Colmar und sitze im Planet-Café. Das ist das erste Internetcafé seit Strassburg. Luisa ist hier. Erinnert Ihr Euch noch an sie? Meine juengere Schwester, die ganz am Anfang von Darmstadt nach Heppenheim mitgegangen ist. Jetzt hat sie endlich Ferien und ist wieder ein paar Tage dabei. Supi! Meine Eltern wollten sie erst gar nicht weglassen, nachdem sie das mit meinem Kreislaufkollaps gelesen haben. Es war echt schwierig, sie loszueisen. Ich musste hoch und heilig versprechen, keine Megaetappen mit der Kleinen zu gehen. Hihi, mit der Kleinen! Sie wird bald 17 und ist groesser als ich. Aber Megaetappen mache ich sowieso nicht mehr.

Ach Ihr lieben Leute, meine tristen Pilgertage sind vorbei, weil Luisa da ist. Ja, Ihr habt richtig gehoert. Das waren echt triste Tage. Jeder Schritt von Strassburg weg war auch ein Schritt weg von Christian. Wir haben darueber gesprochen, ob wir unsere Plaene umschmeissen und etwas zusammen unternehmen. Aber ich habe Chris erklaert, dass ich meine Pilgerreise non seulement pour l´amusement mache, sondern mit einem Anliegen verbinde. Ich moechte mich bedanken, und zwar fuer mein bisheriges Leben, das super gelaufen ist, fuer mein Abi, meine Familie und meine Freunde. Das ist ein Job, den ich zu erledigen habe. Ein Job beim lieben Gott. Und den kann ich genauso wenig einfach aufkuendigen wie irgendeinen anderen Beruf. Ich muss das durchziehen. Ausserdem wuerde Chris seine Freunde schwer enttaeuschen, wenn er seine Korsikareise einfach platzen laesst.

Oh Mann, was sind wir wieder schrecklich vernuenftig. Ich hoffe, das war die richtige Entscheidung. Unser Abschied am Mittwoch in Strassburg war ziemlich filmreif. Wir haben uns lange umarmt. Sehr lange. Und draussen kam voll der Regen herunter. Das hat richtig geplaestert. Ich habe mir gewuenscht, dass es immer weiter regnet und ich einen Grund habe, nicht zu gehen. Aber irgendwann wurde es heller und ich sagte leise, maintenant, je vais. Fais attention à Toi, sagte Chris. Und dann lupfte Julie, the lonesome Cowgirl, ihren Hut, schnallte den Rucksack um und ging hinaus in den nachlassenden Nieselregen.

Der Weg durch das suedliche Elsass war traumhaft schoen, trotz des miesen Wetters, das total zu meiner Stimmung passte. Ich bin wieder zu vielen Kirchen gegangen und habe oft meine Geige ausgepackt, um etwas trauriges zu spielen. Der Weg ging zuerst noch in der Rheinebene weiter und hat dann ziemlich steil hoch auf den Odilienberg gefuehrt. Das war ein Hoehenunterschied von 500 Metern auf vier Kilometern. Also, das war bisher noch nie. Nach den ersten hundert Metern habe ich mich erstmal total ausser Puste hingesetzt. Der Rucksack hat mich nach hinten gezogen und ich lag zappelnd wie ein Kaefer auf dem Ruecken. Na, das kann ja was werden. Ich habe mich wieder aufgerappelt und bin Schritt fuer Schritt weiter. Gaaaanz langsam. Meine beiden Pilgerstoecke habe ich wie ein Treppengelaender benutzt. Ich habe sie immer nach vorne gesetzt und mich an ihnen hochgezogen. Ohne die Stoecke haette ich das nie geschafft. Aber ich wurde immer besser. Je weiter ich nach oben kam. Das war eine super Erfahrung, einen Berg zu packen, von dem Du nach den ersten hundert Metern gesagt hast, da kommst Du doch nie hoch.

Und der Aufstieg hat sich gelohnt. Der Mont Saint-Odile ist der wichtigste Wallfahrtsort hier im Elsass. Er ist 760 Meter hoch und man hat einen ganz tollen Blick über die Rheinebene bis zum Schwarzwald. Als die heilige Odilie, die hier gelebt hat und begraben liegt, auf die Welt gekommen ist, war sie blind. Aber in dem Moment, in dem sie getauft wurde, konnte sie sehen. Deshalb wird sie bei Augenkrankheiten angerufen. Hm, naja, eine Heilige, die bei Trennungsschmerz hilft, waere jetzt besser gewesen. Die Legende ist aber sehr schoen. Das Kloster auch. Ich habe die Engel- und die Traenenkapelle gesehen. Geige spielen konnte ich dort leider nicht, weil immer das Allerheiligste ausgestellt ist und deshalb viele Beter anwesend sind. Der Odilienberg ist ein Ort, an dem man ganz toll meditieren kann. Also eigentlich. Es waren jetzt aber die Handwerker da, die ganz schoen Laerm gemacht haben.

Die Landschaft, die hinter dem Odilienberg kommt, ist die schoenste, durch die mich mein Weg bis jetzt gefuehrt hat. Andlau liegt so toll in den Weinbergen. Und dort in der Kirche habe ich auch meine Heilige gegen den Trennungsschmerz gefunden. Das ist die heilige Richardis, die im 9. Jahrhundert mit Karl dem Dicken, einem Urenkel von Karl dem Großen, verheiratet war und sogar Kaiserin geworden ist. Aber nachdem sie alt geworden ist, hat der Dicke sie verstossen. Als sie dann so im Elsass, das damals noch dichter Urwald war, herum geirrt ist, hat ihre eine Baerin dieses schoene Tal gezeigt, wo sie sich niedergelassen hat und ein Kloster gruendete. Na ja, vielleicht nicht ganz so passend, bin ja von Chris nicht verstossen worden. Und Chris ist ja auch kein Dicker *grins*. Aber Richardis muss eine tolle Frau gewesen sein. Sie hat sich nicht verkrochen, sondern ist genau dahin gegangen, wo es am allerschoensten ist und hat noch was aus ihrem Leben gemacht. Obwohl sie als Kaiserin schon einmal ganz oben war, aber alles verloren hat und schon alt gewesen ist. Sie gehoert jetzt zu meinen Lieblingsheiligen. Absolut.

Kaysersberg war ein weiterer Hoehepunkt in diesen fuenf Tagen. Dort bin ich wieder einer wichtigen Gestalt begegnet. Ich war naemlich im Geburtshaus von Albert Schweitzer. Ich dachte immer, er kommt aus der Schweiz, wahrscheinlich wegen seines Namens. Also, der Mann konnte einfach alles. Er hat sich in der Dritten Welt eingesetzt und in Gabun ein Krankenhaus gebaut, er hat Brunnen und Schulen errichtet, er war Arzt und Lehrer, er konnte perfekt Orgel spielen, er war ein guter Philosoph und einer der besten Theologen seiner Zeit. Politisch hat er sich für die Abruestung von Atomwaffen stark gemacht. Als einer der ersten! In diesen unterschiedlichen Dingen, die er gemacht hat, war er immer von einem Gedanken beseelt, der Ehrfurcht vor dem Leben. In dem Museum, das in dem Geburtshaus jetzt ist, bekommt man das alles sehr gut vermittelt. Ich muss unbedingt etwas von ihm lesen, wenn ich wieder zu Hause bin.

Uebernachtet habe ich im Kloster bei den Klarissen in Sigolsheim. Dort kommt man vorbei, wenn man von Kaysersberg den Pilgerweg verlaesst, um nach Colmar zu gehen. Die Schwester, die mich empfangen hat, fragte mich, ob ich beichten moechte. Ich wusste gar nicht, dass man auch bei einer Ordensschwester beichten kann. Es ist ein sehr persoenliches Gespraech daraus geworden. Es war nichts schlimmes, was ich zu beichten hatte. Aber ich war dankbar ueber das Angebot, denn ich hatte einfach das Beduerfnis, ein paar Dinge zurueck zu lassen, die ich nicht laenger mitschleppen wollte. Ich habe es sehr gerne gemacht. Heute frueh habe ich mit den Nonnen die Messe gefeiert.

Ja, und jetzt bin ich in Colmar. Ich bereue es nicht mehr, weiter gegangen zu sein. Denn ich habe so vieles erfahren, so viele Anstoesse bekommen. Ich bin hierher gegangen, weil ich den Isenheimer Altar von Matthias Gruenewald unbedingt sehen moechte. Und fuer Luisa ist die Anreise nach Colmar besser als zu Orten, die Ammerschwihr, Niedermorschwihr oder Gueberschwihr heissen. Von Darmstadt hat sie aber doch fast fuenf Stunden bis hier gebraucht. Mit vier Mal umsteigen. Das ist genau so anstrengend wie den ganzen Tag zu Fuss zu gehen. Und sie hat das zum ersten Mal alleine gemacht. Jetzt liegt sie total muede auf ihrem Bett. Aber ich werde sie gleich wecken, denn wir wollen noch ein bisschen in die Stadt gehen. Den Isenheimer Altar sehen wir uns morgen an.

Bisou

vôtre Julie

Dienstag, 7. Juli 2009

Christian

Sali! Zunaechst einmal vielen lieben Dank für Eure Zuschriften und besorgten Kommentare. Na ja, vielleicht haette ich das mit dem Kreislaufkollaps nicht so schreiben sollen, weil ich vielen Sorge gemacht habe. Aber es war eine ziemlich wichtige Erfahrung. Ich frage mich, kann das sein, dass man in Ohnmacht faellt und ein paar Minuten spaeter als jemand ganz anderes wieder zu sich kommt. Also, dass aus der hibbeligen Schuelerin Julia Merlau die nachdenkliche Pilgerin Julie Merlot wird. Oder so. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass jeder auf dem Pilgerweg irgendwo seinen Initiationstod sterben muss, um zum Pilger werden zu koennen. Na ja, ist vielleicht etwas abgedreht, diese Theorie. Bestimmt bin ich auch weiter die alte Julia. aber etwas dazu gelernt habe ich auch. Und ich werde sicher viel mehr darauf achten, was mir mein Koerper sagt.

Was mich aber noch mehr zum nachdenken gebracht hat, ist, dass ich schon zum zweiten Mal genau dann, wenn ich total am Ende war und aufhoeren wollte, Freunde geschenkt bekommen habe. In Weinheim Lisa und in Walbourg Henri, Frederic und ganz besonders Christian. Uli hat mir geschrieben, dass ich meinen Schutzengel nicht verschleissen soll. Uli, da hast Du recht. Aber ich bin total gluecklich, soviele Engel schon getroffen zu haben.

Ein Engel, der mich richtig begleitet hat, ist Christian. Zuerst war er total skeptisch, aber nach dem Nachmittag, den wir zusammen waren, hat er mich gefragt, ob er bis Strassburg mitkommen darf. Ja klar, super, habe ich gesagt. Ich habe mich total gefreut, denn ich mag Christian gerne. Ich habe natuerlich Henri gefragt, ob ich seinen Schueler entfuehren darf, aber Henri hatte kein Problem damit. Es sind ja Ferien und Christian musste sowieso nach Strassburg, weil er da zu Hause ist. Er hat auch mit seinen Eltern abgecheckt, dass ich bei seiner Familie uebernachten darf.

Also, am Sonntag frueh sind wir losgegangen, um wenigstens noch ein bisschen die Morgenkuehle auszunutzen. Deshalb waren wir schon rechtzeitig zur Messe in der tollen romanischen Georgskirche von Haguenau. Ein unglaublich schoener romanischer Bau mit ganz dicken Saeulen, auf denen die Waende stehen. Die Kirche vermittelt eine Schwere, die mich total beeindruckt hat. Und trotzdem wird alles nur von Saeulen getragen. Bis Brumath, wo wir im Presbytère uebernachtet haben, waren es 26 Kilometer. Und am Sonntag war immer noch diese Hitze und Schwuele. Aber mit Christian in der Naehe war alles ganz anders. Wir sind gut voran gekommen, weil wir uns einfach gut verstanden und Mut gemacht haben. Der weitere Weg am Montag von Brumath nach Strassburg war fuer mich echt ein Klacks, weil es nicht mehr so heiss war. Fuer Christian, dem der Vortag noch in den Knochen steckte, nicht so sehr, aber er hat tapfer mitgehalten. Wir sind es ruhig angegangen, haben viele Pausen gemacht und auch genug Wasser mitgehabt. Also es ging ganz gut.

Die Familie von Christian ist echt nett. Sie haben mich ganz lieb aufgenommen. Der Vater ist Rechtsanwalt und die Mutter Sekretaerin beim Europarat. Christian hat auch noch eine Schwester so ziemlich in meinem Alter. Sie heisst Cecile und studiert. In Tours oder in Toulouse, irgendwie habe ich das nicht so genau behalten. Sie war gerade noch an ihrem Studienort und ich wurde in Ceciles Zimmer einquartiert.

Heute war der grosse Strassbourgtag, den ich ganz mit Christian verbracht habe. Seine Mutter hat uns zunaechst in den Europarat mitgenommen und uns die Behoerde gezeigt. Ich bin echt vor Ehrfurcht erstarrt. Julia beim Europarat! Weil genau hier beschlossen wurde, die ganzen Jakobswege auszuschildern. Gleich nebenan ist das Europaeische Prahlament, dass ich ja mitwaehlen durfte. Ich wollte mich eigentlich vor Ort erkundigen, wie das denn genau mit der Europapolitik und der Foerderung der Jakobswege zusammenhaengt. Denn danach hatte ich ja mal im Forum gefragt. Aber die Abgeordneten hatten gerade Ferien, so dass ich keinen sprechen konnte. Ein super Leben! Sie lassen sich ins Parlament waehlen und machen dann als erstes gleich mal Urlaub. Also wisst Ihr was? Ich glaube, ich werde auch Europaabgeordnete. Immerhin, durch Christian bin sicher bald wieder in Strassbourg. Dann gehe ich der Sache mit den Jakobswegen auf den Grund.

Danach stand die Kathedrale auf unserem Programm. Ich wollte mir natuerlich alles genau ansehen und deshalb sind wir ueber zwei Stunden da geblieben. Christian war noch nie laenger als 30 Minuten dort und wollte wissen, was man da solange machen kann. Jetzt weiss er es, hihi. Er ist brav ueberall hin mitgegangen. Zuerst zu dieser wahnsinnig hohen Westfassade mit der supergrossen Fensterrose, dann haben wir uns jeden einzelnen Eingang angesehen, weil es da diese schönen Figuren gibt. Und drinnnen waren wir auch, beim Engelspfeiler und der Uhr, die staendig bimmelte. Na, ich weiss nicht, ob so eine Bimmeluhr in einer Kirche sein muss. Stoert doch eigentlich. Der Engelpfeiler mit den ganzen Engeln war natuerlich super. Habe ich auch nicht anders erwartet. Und die Figuren an den Eingaengen auch. Wirklich schoene Frauen, die Ecclesia und die Synagoge und die klugen und die toerrichten Jungfrauen. Sehr grazil, ganz schlank und gross. Models, wuerde ich mal sagen.

Oben auf dem Turm sind wir auch gewesen. Also, auf der Plattform. Da haben die Leute, die fuer die Reparatur der Kathedrale zustaendig sind, sich ein Haus hingebaut. Eine richtige Werkstatt ganz da oben. Dort koennen sie alles vor Ort erledigen. Und der Blick über die Altstadt von Strassburg ist von oben herrlich.

Nach der Kathedrale sind wir shoppen gegangen. Christian faehrt in ein paar Tagen mit zwei Freunden nach Korsika und brauchte noch sein Outdoor-Zeugs. Wir sind Trekkingschuhe, eine Ziphose, Funktionshemden und einen Rucksack kaufen gegangen. Und ich habe ihn beraten. Der Verkaeufer bei den Schuhen meinte, ich bin ein Profi, weil ich echt kennerhaft die Haerte des Gummis mit dem Daumen geprueft habe und auch sonst Bescheid wusste. Klar, kenne mich ja von meinem eigenen Schuhkauf her aus :-).

So, ich will Schluss machen, denn es ist mein letzter Abend mit Christian, der hier neben mir sitzt und von dem ich alle gruessen soll.

Bisou

Julie

Samstag, 4. Juli 2009

Ho me dareus anthropos ouk paideuetai - Im Internat

„Ho me dareus anthropos ouk paideuetai“ (Ein Mensch, der nicht geschunden wird, wird nicht erzogen).

So hat mich heute morgen spasshaft Henri, der froehliche Latein- und Griechisch-Lehrer am Séminaire in Walbourg, begruesst. Ja, ja, die Paedagogen. Ich habe gestern abend aber auch alle im Séminaire in helle Aufregung versetzt.

Und das kam so:

In Wissembourg im Presbytère habe ich mir Gedanken gemacht, wo ich als naechstes schlafen werde. Ich hatte echt keinen Plan, denn die naechste Pilgerherberge auf meiner Liste war 34 Kilometer weit weg. Da hatte die Pfarrsekretaerin die Idee, mich im Séminaire in Walbourg anzumelden. Das ist ein katholisches Internet für Maedchen und Jungen. Zwar haben in Frankreich gerade die großen Ferien angefangen, aber das war gerade gut, denn an diesem Wochenende waren noch ein paar Lehrer und Schueler da, bevor am Montag alles zu gemacht wird. Weil die meisten aber schon weggefahren sind, ist genug Platz vorhanden gewesen. Deshalb wurde am Telefon gesagt, ich duerfe kommen. Laut Pilgerfuehrer sind es von Wissembourg nach Walbourg genau 25 Kilometer, also eigentlich nichts besonderes. Ich verabschiedete mich also in Wissembourg, bedankte mich bei meinen Gastgebern und lief los. Anfangs ging auch noch alles gut. Ich war eigentlich ziemlich bald in Oberhoffen und in Bremmelbach, wo ich mittags am Bach meine Bremmel, aeh Bemmel, gegessen habe. Boah, und dann wurde es immer heißer und drueckender. Ich hatte wieder meinen Liter Wasser mitgenommen, also die 1,5 Liter waren mir echt zu schwer. Aber der eine Liter war kurz hinter Bremmelbach schon aufgebraucht. Und in Retschweiler habe ich wieder niemanden auftreiben koennen. Irgendwann am Nachmittag bin ich dann halb verdurstet nach Soultz-sous-Forets gekommen. Ha, da gab es wieder neues Wasser. Supi! Na ja, dachte ich, kannst Du ja weitergehen. Es ist ja schon Nachmittag, und um fuenf wirst Du es geschafft haben. Also wieder los in der Nachmittagshitze. Ich hatte in meinem Fuehrer gelesen, dass die Abteikirche in Walbourg so aehnlich aussieht wie die in Wissembourg, nur ein bisschen kleiner. Als es fuenf war, erblickte ich tatsaechlich so eine Kirche. Sie hatte naemlich auch so einen Kirchturm genau in der Mitte. Na, prima, da hast Du es ja geschafft. Wurde auch Zeit. Ich konnte naemlich echt nicht mehr. Aber als ich hinkam, stellte sich heraus, das war erst die Abteikirche von Surbourg. Oh Mann! Hatte ich total uebersehen, dass vorher noch so eine Abtei kommt. Hab dann die Entfernungstabelle im Fuehrer aufgeschlagen und festgestellt, dass es von Surbourg nach Walbourg nochmal sieben Kilometer sind. Ich war fix und foxi und immer noch nicht da. Sieben Kilometer! Dabei hatte ich meine 25 doch bestimmt schon weg. Ich habe mich erstmal in die Kirche gesetzt und losgeheult. Irgendwann bin ich dann aufgestanden und habe mir gesagt, na hilft nichts, die Leute im Séminaire warten auf Dich, also weiter. Irgendwie habe ich den Rest dann auch noch geschafft. Ich bin da wohl halb in Trance angetorkelt und habe noch mein „Sali, J´aime apelle Julie Merlot“ gestoehnt, ja, und dann war ich auf einmal weg. Einfach umgefallen. *Plopp*. Wie und wo, das habe ich gar nicht mehr mitbekommen. Das war alles einfach zuviel. Der Weg, die drueckende Hitze, die Anstrengung, der Durst, die vielen Kilometer. Henri, der Lateinlehrer, hat gleich zwei starke Schueler gerufen, die mich auf die naechste Couch gelegt haben. Da bin ich dann wieder zu mir gekommen. Hab dann die Augen aufgemacht und einfach „Bonsoir“ gesagt. Und da haben alle gelacht.

Ja, so war meine Ankunft in Walbourg. Mein Auftritt muss ziemlich Eindruck gemacht haben. Henri ordnete an, ich darf am naechsten Tag nicht weiter gehen, sondern muss mich erstmal erholen. Dann wurde mir Tee eingefloesst. Ich habe zu allem ja gesagt. Klar, dass ich nicht widersprochen habe. An dem Abend war mit mir echt nichts mehr anzufangen.

Die beiden Jungen, die mich auf die Couch gelegt haben, lernte ich dann am naechsten Morgen beim Fruehstueck kennen. Sie waren zuerst ein bisschen schuechtern, drueckten sich in der Naehe von meinem Platz herum und wussten nicht, ob sie mich ansprechen sollten. Schließlich kamen sie und stellten sich vor, aber so etwas von formvollendet, sage ich Euch, also das haetten unsere Jungs nie hinbekommen. Christian und Frederic, so heissen die beiden, haben gerade die elfte Klasse beendet und machen im naechsten Jahr ihr Bac, wie das Abi in Frankreich heißt. Also Baccalauérat eigentlich, aber so, wie wir Abi statt Abitur sagen, sagen die Franzosen Bac. Das Bac ist viel stressiger als bei uns das Abi, weil es aus zwoelf Pruefungen besteht. Wir haben dafuer Vornoten, die einfließen. Also, ich glaube, bei uns ist das lockerer.

Ich weiss nicht, ob Henri die Jungs beauftragt hat, dafuer zu sorgen, dass ich nicht weglaufe. Jedenfalls sind die beiden nicht von meiner Seite gewichen. Sie erzaehlten mir, dass es echt 30 Kilometer von Wissembourg bis hier sind. Das fanden sie ziemlich krass, soviel zu gehen bei dem Wetter. Ich konnte nicht viel dagegenhalten nach dem Auftritt, den ich gestern Abend hingelegt hatte.

Mit Christian und Frederic bin ich dann im Schulpark spazieren gegangen und wir haben viel ueber Deutschland, Frankreich, das Elsass, Europa und unsere Schulsysteme gesprochen. Ich habe eine Menge gelernt. Bin aber auch nachdenklich geworden. Denn Frederic engagiert sich in einer Organisation, die Jeune Alsace, junges Elsass, heißt. Das ist die Jugendorganisation einer Partei, die sich für die Unabhaengigkeit des Elsass einsetzt. Statt einem Europa der Staaten wollen sie ein Europa der Regionen haben. Deshalb haben sie Kontakte zu den Basken in Spanien, den Serben im Kosovo, der Lega Norte in Italien und anderen Bewegungen. Frederic hat ein grosses Album geholt, in dem er die Aktionen der Jeune Alsace dokumentiert hat. Da sind Fotos drin, auf denen junge Maenner mit Elsassfahnen aufziehen, da gibt es Slogans fuer ein freies Elsass vom Wasgau bis an den Rhein, die Mutterpartei heißt Alsace d´abord, also Elsass über alles. Und sie singen das Fahnenlied: „Weiß und rot bin ich treu bis in den Tod.“ Oder so aehnlich. Hm, na ja. Das erinnert mich alles ein wenig zu sehr an etwas ganz anderes. Ich moechte niemandem nahetreten und vielleicht liege ich mit meiner Einschaetzung total daneben. Denn die Elsaesser haben in ihrer Geschichte immer viel mitmachen muessen und sind staendig herumgeschoben worden. Und ich bin erst den zweiten Tag hier, kann also gar nicht mitreden. Aber irgendwie finde ich den Stil, mit dem die Jeune Alsace auftritt, beklemmend. Und ich kann mir auch nicht so recht vorstellen, dass die Jeune Alsace sich wirklich fuer das Schicksal der Leute im Kosovo interessiert. Wenn jemand vom Europa der Regionen redet, meint er meistens seine eigene Gegend. Glaube ich.

Eigentlich war ich ganz froh, als das Gespraech beendet wurde, weil Henri auftauchte, um mich zu einer Fuehrung durch die Abteikirche einzuladen. Die Kirche war zuerst romanisch, denn sie ist von den Eltern von Kaiser Friedrich Barbarossa, die hier auch begraben liegen, gestiftet worden. Dann ist sie aber zerfallen und spaeter gotisch wieder aufgebaut worden. Wie in Wissembourg sind auch hier wieder wunderschoene Glasscheiben, die der Meister Peter von Andlau gemacht hat. Henri hat ein Fernglas mitgenommen, mit dem ich mir die Fenster ganz genau ansehen konnte. Das sind tolle Szenen vom Abendmahl, vom Kreuzweg, von der Kreuzigung und der Auferstehung. Henri erklaerte, dass das schon nicht mehr gotisch, sondern schon Renaissance ist. Und zwar wegen der Farben, der „Composition“ und der Perspektive. Henri weiss unglaublich viel darueber und kann es echt gut erklaeren.

Nach dem Mittagessen ist Frederic von seinen Eltern abgeholt worden, so dass ich mit Christian alleine blieb. Christian ist ganz anders als Frederic. Er ist nicht so ueberzeugt von einer Sache, nicht so bedingungslos wie Frederic. Die Unabhaengigkeit des Elsass ist ihm zum Beispiel total egal. Er hat eine Lockerheit, die mir gut gefaellt. Wir sind am Nachmittag wieder zur Abteikirche hoch gegangen und haben uns dort auf den Rasen gelegt, um einfach das Blau des Himmels zu sehen. Als dann ein paar Wolken kamen, haben wir immer neue Worte erfunden, um die Wolken zu beschreiben. Auf franzoesisch und deutsch. Das war total witzig, weil es immer etwas dauerte, bis der eine herausgefunden hat, was der andere meinte. Mit Christian kann man total sinnloses Zeug machen. Finde ich klasse.

Meine Geige war natuerlich auch dabei. Christian lehnte an der Mauer der Kirche, als ich meine Improvisationen uebte, und gab seine Kommentare dazu ab. Das waren echt gute Tipps. Er meinte naemlich, da sind viel zu viele unterschiedliche Melodien in meine Stuecke reingepackt. Bestimmt hat er damit recht.

Also, wie Ihr seht, es war ein absolut entspannter Tag. Hat echt gut getan. Und ich denke, ich bin jetzt wieder so aufgepaeppelt, dass ich morgen weiter gehen kann.

Bisou

vôtre Julie